• vom 22.01.2019, 07:30 Uhr

Bühne


Interview

"Die Bedingungen sind haarsträubend"




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Von Petra Paterno

  • Wie wichtig ist heute noch ein Frauentheater? Was läuft schief? Ein Streitgespräch mit Kosmos-Intendantin Veronika Steinböck und den beiden Drachengasse-Intendantinnen Beate Platzgummer und Katrin Schurich.

Erfolgsproduktion in der Drachengasse: Michaela Bilgeri in "All das Schöne" mit Andreas Dauböck.

Erfolgsproduktion in der Drachengasse: Michaela Bilgeri in "All das Schöne" mit Andreas Dauböck.© Andreas Friess Erfolgsproduktion in der Drachengasse: Michaela Bilgeri in "All das Schöne" mit Andreas Dauböck.© Andreas Friess

"Wiener Zeitung": Drei von vier Vorstellungen werden von Männern inszeniert, mit fast 90-prozentiger Sicherheit bekommen die Zuschauer auch ein Stück von einem Mann zu sehen. Was läuft schief?

Veronika Steinböck:Diese Zahlen beziehen sich auf das Stadt- und Staatstheater, das nach wie vor sehr traditionell orientiert ist. In der freien Szene, in der wir tätig sind, schaut die Sache ganz anders aus. Im Kosmos gibt es seit jeher die Vereinbarung, dass das Leading-Team zu zwei Drittel aus Frauen bestehen soll. Dazu stehe ich weiterhin. Wir haben Vernetzungstreffen ins Leben gerufen, um Regisseurinnen zu stärken. Das heißt nicht, dass wir gegen Männer auftreten, im Kosmos arbeiten selbstverständlich Männer, aber wir wollen Frauen stärken. Auch bin ich gezielt auf der Suche nach Autorinnen, was zugegebenermaßen nicht ganz einfach ist. Von den Verlagen bekommt man eher Stücke von Männern zugeschickt als von Frauen. Hier etwas im Bewusstsein zu verändern, ist eine Herausforderung.

Veronika Steinböck, Schauspielerin und Regisseurin, kehrt nach 18 Jahren in Deutschland zurück nach Wien, seit 18/19 leitet sie das Kosmos Theater.

Veronika Steinböck, Schauspielerin und Regisseurin, kehrt nach 18 Jahren in Deutschland zurück nach Wien, seit 18/19 leitet sie das Kosmos Theater.© apa Veronika Steinböck, Schauspielerin und Regisseurin, kehrt nach 18 Jahren in Deutschland zurück nach Wien, seit 18/19 leitet sie das Kosmos Theater.© apa

Beate Platzgummer: In der Drachengasse legen wir den Fokus auf Frauen, aber wir erklären das nicht zum Dogma.

Wie relevant sind Frauentheater heute noch? Ist eine Nischenbühne nicht kontraproduktiv, wenn die Branche um mehr Diversität ringt?

Katrin Schurich: Ich zitiere Emmy Werner, Gründerin des Theater Drachengasse: "Wenn vorne Frauen draufsteht, ist das erst recht wieder eine Diskriminierung." Wir wollen uns nicht in politischen Diskursen profilieren, uns geht es vielmehr um die tägliche Praxis.

Katrin Schurich, Schauspielerin und Regisseurin, leitet als Nachfolge von Eva Langheiter seit 14/15 die Drachengasse mit Platzgummer.

Katrin Schurich, Schauspielerin und Regisseurin, leitet als Nachfolge von Eva Langheiter seit 14/15 die Drachengasse mit Platzgummer.© A. Friess Katrin Schurich, Schauspielerin und Regisseurin, leitet als Nachfolge von Eva Langheiter seit 14/15 die Drachengasse mit Platzgummer.© A. Friess

Platzgummer: Wir pflegen einen Arbeitsstil, der sich von autoritären und patriarchalen Strukturen abgrenzt, wir arbeiten im Team, haben flache Hierarchien.

Schurich: Inhaltlich beschäftigen wir uns mit der ganzen Gesellschaft, wir lassen uns nicht auf vermeintliche "Frauen"-Themen reduzieren.

Steinböck: Begriffe wie "weiblicher Blick", "weibliche Ästhetik" oder "Frauenliteratur" mag ich überhaupt nicht. Da müssen wir dagegen arbeiten. Es geht immer um Menschen.

Beate Platzgummer, ist seit langem etwa für Bar & Co zuständig. Seit 2016 leitet sie als Nachfol ge von Johanna Franz mit K. Schurich die Drachengasse.

Beate Platzgummer, ist seit langem etwa für Bar & Co zuständig. Seit 2016 leitet sie als Nachfol ge von Johanna Franz mit K. Schurich die Drachengasse.© A. Friess Beate Platzgummer, ist seit langem etwa für Bar & Co zuständig. Seit 2016 leitet sie als Nachfol ge von Johanna Franz mit K. Schurich die Drachengasse.© A. Friess

Sehen Sie sich als Feministinnen?

Platzgummer: Ich bezeichne mich gern als Feministin, es ist nicht so, dass das heute kein Thema mehr wäre.

Schurich:Mir war es immer wichtig, mir meinen Platz in der Welt zunehmen und nicht darauf zu warten, dass jemand zu mir sagt: Du darfst. Für mich ist das eine genuin feministische Haltung.

Steinböck: Mich begeistert der moderne Feminismus, in dem Gender-Fragen ganz anders als in meiner Jugend verhandelt werden - Stichwort: Queer, Trans- und Intersexualität.

Große Momente in "Begehren", einem Stück der Theaterformation makemake im Theater Kosmos.

Große Momente in "Begehren", einem Stück der Theaterformation makemake im Theater Kosmos.© Bettina Frenzel Große Momente in "Begehren", einem Stück der Theaterformation makemake im Theater Kosmos.© Bettina Frenzel

Was halten Sie von der Einführung einer Frauenquote im Theater?

Platzgummer: Es gibt Für und Wider, das lässt sich nicht pauschal beantworten.

Steinböck: Ich träume von einer Zeit, in der wir das nicht mehr brauchen werden, aber gegenwärtig hielte ich es schon für sinnvoll.

Wie beurteilen Sie die Arbeitsbedingungen der freien Szene?

Platzgummer:Wien hat eine lebendige Szene, aber die finanziellen Mittel sind begrenzt. Als Theater Drachengasse haben wir die Aufgabe, Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, solidarisch zu teilen. Das tun wir auch. Wir öffnen unser Haus zur Hälfte der freien Szene. Problematisch ist die fehlende Planungssicherheit, viele Gruppen erfahren kurzfristig, ob sie überhaupt und in welcher Höhe sie gefördert werden.

Schurich: Die Arbeitsbedingungen für freie Theatermacher sind haarsträubend. Es gibt zu wenig Geld. Ich habe zehn Jahre lang als freie Regisseurin gearbeitet, das sind Jahre, die mir bei der Pension fehlen. Nicht nur ich, eine ganze Generation geht der Altersarmut entgegen - und das obwohl wir ein Leben lang gearbeitet haben.

Steinböck: Wir suchen gezielt nach Stücken mit kleiner Besetzung und müssen immer wieder Ideen abwinken, weil wir uns die Produktion sonst nicht leisten können. Wenn wir mit freien Gruppen zusammenarbeiten, werden diese nicht angestellt. Die anfallenden Versicherungskosten werden auf die jeweiligen Gruppen abgewälzt. Ich bedauere das sehr, aber es geht nicht anders. Wenn ich alle anstellen würde, könnte ich nur die Hälfte spielen.

Eine Forderung an die Politik?

Schurich: Eine Künstlersozialversicherung, die diesen Namen auch verdient. Das gegenwärtige Modell gleicht eher einem Almosenfonds.

Steinböck: Bei Förderungen sollte darauf geachtet werden, dass Honoraruntergrenzen eingehalten werden.

Schurich: Es wäre höchst an der Zeit, dass die Politik Verantwortung übernimmt. Es wird immer mit dem Kulturerbe Österreichs gepunktet, aber diejenigen, die hier und jetzt Kunst machen, werden nicht auf Augenhöhe behandelt.

Frau Steinböck, Sie haben Förderzusagen bis Ende 2019. Wie geht es danach mit dem Kosmos weiter?

Steinböck: Das wüsste ich selbst auch gern. Ich bin davon überzeugt, dass man das Kosmos nicht einfach so zusperren wird. Es wird weitergehen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-21 16:41:44
Letzte Änderung am 2019-01-21 18:21:18



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