Marta Kizyma, Martin Vischer, Daniel Jesch und Valentin Postlmayr - © Foto: Burgtheater
Marta Kizyma, Martin Vischer, Daniel Jesch und Valentin Postlmayr - © Foto: Burgtheater

Eine Troststunde für jeden Katastrophen-Seismologen, der die Hoffnung auf Versöhnung, Frieden, Erlösung nicht aufgeben will – oder doch nur verlorne Liebesmüh’, weil die wenigsten Zuschauer mit der Privatmythologie des englischen Goethe-Zeitgenossen William Blake vertraut sind? Mit seinen Welterschaffungsphantasien wollte Blake die gemütsschädigende, gewaltfördernde Ordnungsmacht aufgeklärten Denkens aushebeln. Die deutsche Autorin von "Beben" mit dem serbischen Namen Maria Milisavljević, heute 36, tauchte in England als Literatur- und Kunststudentin tief in die "schwarze Romantik" des Dichters und Malers ein. Desselben, dessen Aquarell "Der Rote Drache" der Serienmörder Hannibal Lecter im Thriller dieses Namens im Brooklyn-Museum verschlingt!

Glaubt man den Berichten, geriet die Uraufführung von "Beben" 2017 in Kaiserslautern mit sechs Darstellern zur munteren Kasperliade. Verführt wohl durch die Einladung zur Beliebigkeit schon im Personenverzeichnis. Wer ist wer? "Wir. Wer immer und wie viele wir auch sind." Anna Stiepani jedoch, bisher in Wien nur als Regieassistentin genannt, holt mit ihren vier Darstellern im Burg-Vestibül den mit Politikaktualitäten ("Jetzt zerreißt es die Sozialdemokratie") vergällten Befindlichkeiten-Cocktail heutiger Millennials in die Struktur des "Vierfachen Selbst" von Blake zurück. Thurid Peine unterstützt die starke Regiehand mit einer die Personen dreifach spiegelnden Glaskobelbühne.

Daniel Jesch steht im Eröffnungsdonner in Zottelpelz und Sauschädelmaske als "Mann an der Kante von Ulro" (so nennt Blake die teuflisch-rationalistische, natürliches Fühlen unterdrückende Welt) dem jüngeren Valentin Postlmayr gegenüber, der eine Glutschale wie den Heiligen Gral vor sich herträgt. Wer vorab die Wiki-Einträge über Blake’s "Book of Urizen", "Book of Los" und "Vala, or The Four Zoas" gelesen hat, begreift im Nu, dass hier der tyrannische Weltschöpfer Urizen dem Schmied Los, Personifikation von Menschlichkeit und Künstlertum, gegenübersteht. Milisavljević und Stiepani punkten zwar in der obersten Bildungsklasse, doch die Restmenge im Auditorium versteht vorerst nur Bahnhof. Auch das Programmheft verweigert Hilfe – zeigt aber Trägern von Rot-Grün-Brillen Muster der von Blake erfundenen Technik des Reliefdrucks.

Den großen zu Herzen gehenden Monolog im 75-Minuten-Abend hat Valentin Postlmayr als ein verlorenes, heimatsuchendes Menschenkind. Anpassungsdruck steigert dessen Wut darüber, nicht verstanden zu werden. Ein Solo wie bei der bravourösen Abschlussprüfung in einer Schauspielakademie. Neben dem Zottelmann stehen glaubwürdige junge Leute von heute auf der kosmologisch überbelasteten Bühne, in den sozialen Medien unterwegs in einem Tempo, das sie zu überfordern droht. Doch auf die langsamen achtziger Jahre schauen sie mitleidig zurück. Sind wir in Amerika? Der Treueeid, den jeder Neubürger der USA schwören muss, wird in originaler Länge vorgetragen. Bald entfaltet sich ein Bürgerkriegsszenario.

Die Erde zittert unter Panzerketten. Ist dieses Lärmdrama nur Simulat, ein Videogame? Martin Vischer klickt und klickt. Balkankrieg, Syrien, Afghanistan als Zwangsassoziationen! Auch Konzentrationslager werden angerufen: Goldzähne und Haarberge. Martin Vischer nimmt das US-Sturmgewehr AR-15 zur Hand. Marta Kizyma schreit Ratatatatá. Zum Ende hin löst Maria Milisavljevićs die Urizen-Los-Polarisierung per Shakehands auf. Ein noch stärkeres christliches Fanal: Eine Mutter verzeiht dem Mann, der ihr Kind totgeschossen hat. Die postmoderne Mixtur highbrow-banal, sentimental-aggressiv sowie von kryptisch-alten und populär-aktuellen Zitaten kam beim jungen Premierenpublikum gut an.