Rainer Galke, Katharina Klar. - © Christine Miess
Rainer Galke, Katharina Klar. - © Christine Miess

Als Karin Peschka im Roman "Watschenmann" Elend, Verrohung, große Hoffnung und kleines Glück in einem Wiener Hinterhaus-Biotop ausmalte, war sie weit über vierzig und als Sozialhelferin milieugeprüft. Die hohe Anerkennung verdankt das 2014 bei Otto Müller erschienene 300-Seiten-Buch seinem verknappt-verspannten Unterschicht-Sprachgerüst, nahe bei der frühen Marianne Fritz, und der tragisch lebenswahren wie metaphorischen Titelfigur. "Den Kriegswurm treib ich aus den Leuten, die tun, als wär’n sie gesund", sagt im Jahr 1954 der mehrfach gebrochene Heinrich, ein halbwüchsiger "Krieg im Kopf"-Exorzist, vielleicht Spiegelgrund-Überlebender. Wie den Watschenmann im Prater sollen die kriegsbelasteten Schweiger und Verdränger auf ihn einschlagen, auf dass sie ihre Kriegstraumata loswerden. Der wahnhaft überkonstruierte Therapieansatz wirft Licht ins Dunkel österreichischen Kollektivempfindens in den glorifizierten Wiederaufbaujahren.

Die Werkstatt im Hinterhof ist verschlossen, dort hütet Lydia das Werkzeug des Schusters, mit dem sie sich verlobt weiß und der vermisst wird. Jetzt haust sie in einem Schuppen mit Dragan, wohl einem ehemaligen Zwangsarbeiter. Das Waisenkind Heinrich ist ihnen zugelaufen, Dragan ruft ihn liebevolle "psić" (kroatisch: Hündchen). Ein im KZ zum Krüppel gemachter Kommunist torkelt mit Harmonika in den Armen und Tschinellen an den Beinen zur Stalin-Feier nach Meidling. Irre geworden ist auch der SS-Mann, der nach seiner verlorenen Zyankalikapsel sucht. Im amerikanischen Soldaten Elmer ("Der kommt aus dem Frieden") gewinnen Heinrich und das Familienpatchwork eine Stütze. Ein brutaler Erfolgstyp aus dem neuen Österreich geht im Boxkampf gegen Dragan zu Boden. Den Straßenbahner, der auf Heinrich eindrischt, feuert der gemütliche Wiener als Zuschauer an. Zuletzt zerbricht das wackelige Substandard-Zuhause. Der Schuster kehrt zurück, Dragan weicht, doch der Bräutigam ist arbeitsunfähig und hat sich längst anderswie arrangiert. Nach Lydias Selbstmordversuch bleibt Heinrich allein zurück.

Der Bruder spielt seine Schwester

Die Dramatisierung durch Bérénice Hebenstreit (Regie) und Michael Isenberg (Dramaturgie) nähert sich der Vorlage in kühler Distanz. Für volles Leben in einer überzeugenden Schmuddeldekoration fehlte vielleicht das Geld. Der Schuppen ist nur im Umriss angedeutet, das Schusterwerkzeug in Vitrinen präsentiert wie in einer Nobelboutique (Ausstattung: Mira König). Vier Darsteller teilen sich zehn Rollen. Was zu paradoxen Situationen führt. So spricht der Schuster im Heimkehreranzug als seine eigene Schwester. Einzig Katharina Klar hat den Heinrich ganz für sich - knabenhaft, gewiss, doch zu sehr die Künstlichkeit einer Kopfgeburt ausstellend als ein beschädigtes Leben nach Vorbildern von Kroetz oder dem frühen Felix Mitterer.

Am stärksten verteidigt Rainer Galke als fülliger Steher im Boxring seinen Typ, doch die Vater-Sohn-Zärtlichkeit zum "Hündchen" versagt, weil der Bub ein Mädchen ist. Birgit Stöger zeigt eindrucksvoll die Sehnsucht der Dulderin und den Eigensinn verhuschter alter Frauen. Sebastian Klein ist ein US-Soldat wie vom Abziehbild, als verstörter kommunistischer Patriot aber ohne apokalyptischen Schrecken. Ein ambitioniertes Vorhaben - doch mit zu vielen Notlösungen. Das Buch wartet auf Leser.