Der Gruselfaktor, er war nicht ganz wegzuleugnen. Noch heute soll es Menschen geben, die schweißgebadet erwachen, weil in ihrem Traum eine riesige Monsterkatze mit Spitzohren aus Haarspray und mit grober Faschingsschminke-Grimasse auf dem Schoß von Edith Klinger sitzt und nach dem letzten "Memory"-Akkord die dirndlbestallte Tierschützerikone hinterlistig ableckt. Ein Aufwachsen im Österreich der
80er Jahre kann durchaus mit ausgefallenen Traumata aufwarten. In den 80ern war das Musical "Cats" das große Unterhaltungshighlight, nicht nur im "Theater der Jugend"-Abonnement. Peter Weck holte die Originalproduktion ins Theater an der Wien und das Stück von Andrew Lloyd Webber setzte den Startschuss für den Versuch, Wien als Musicalmetropole neben London und New York zu positionieren.

Einzug des Blockbuster Megamusicals in Wien

Eine solche Großproduktion - der Fachbegriff ist "Blockbuster Megamusical" - war schon eine Innovation, man brachte es allein in Wien auf immerhin über 2000 Vorstellungen in sieben Jahren ohne Unterbrechung. "Cats" war über Jahre hinweg das längstgespielte Musical am Broadway, bis es von "Das Phantom der Oper" (auch von Andrew Lloyd Webber) abgelöst wurde. Weltweit wurden die tanzenden Katzen im knallengen Body mit Schwanz dran von 73 Millionen Menschen in 30 Ländern gesehen. Nun sollen wieder ein paar in Wien dazukommen, denn ab 20. September wird "Cats" - 36 Jahre nach dem ersten Schnurren - im Ronacher zu sehen sein. Der Vorverkauf ist Anfang der Woche gestartet und die Tickets finden erwartungsgemäß reißenden Absatz.

Das ist erfrischend anachronistisch retro. Denn Musicals in der Art, wie "Cats" es ist - mit eigens komponierter Musik und einer nicht allein als Krücke genutzten Handlung -, sind heute nicht mehr die Quotengaranten. Das sind die sogenannten Jukebox-Musicals wie "Mamma Mia", die Pop-Hits, in dem Fall von ABBA, aneinanderreihen. Oder wie Peter Weck im TV-Interview sagte: "Das nennt sich alles Musical, aber es sind Revuen. Das sind Lieder von bekannten Komponisten, eine etwas unsinnige Story, die Leute freut es und sie klatschen auch."

Gedichte und Katzen, Kunst und Kommerz

Ein Kritikerliebling war "Cats" freilich von Anfang an nicht. Dabei basierte die Katzenmusik sogar auf echter Literatur, und zwar auf Gedichten von T.S. Eliot. Das Stück zementierte aber auch den Vorwurf eines Zwiespalts, mit dem sich Lloyd Webber fortan herumschlagen musste: jenem zwischen Kunst und Kommerz. Das eingängigste Lied des Musicals war übrigens ursprünglich gar nicht eingeplant, Regisseur Trevor Nunn forderte aber einen emotionalen Höhepunkt ein. Lloyd Webber spielte die Komposition "Memory" als Erstem seinem Vater vor und fragte besorgt: "Habe ich es wo gestohlen?" Vater Bill, Kirchenorganist, schüttelte den Kopf und sagte: "Damit wirst du zwei Millionen verdienen, du Trottel." Nun ja. Geschätzt wird, dass das Musical "Cats" an die 300 Millionen Euro eingespielt hat.

Was fasziniert die Menschen so an Performern, die sich als Katzen verkleiden und sich dauernd den falschen Pelz lecken? Ist nicht klar. Aber es geht so weit, dass noch heuer im Dezember eine Verfilmung in die Kinos kommt. Mit prominenter Besetzung: Taylor Swift ist dabei, sowie Jennifer Hudson, Idris Elba und Ian McKellen. Auch Judi Dench wird mitspielen - und da schließt sich ein Kreis: Denn die Britin hätte bereits in der Uraufführung mitwirken sollen - ihre Achillessehne verhinderte das.