Im Jahr 2010 hat Luise Kinseher beim Singspiel des traditionellen Politiker-Derbleckens auf dem Nockherberg erstmals die Rolle der Bavaria gespielt und von 2011 bis 2018 in dieser Rolle als erste Frau überhaupt die sogenannte Salvatorrede gehalten. So etwas prägt natürlich, und so lässt es sich Kinseher nicht nehmen, auch im Wiener Stadtsaal (und davor und danach an etlichen anderen Spielorten) als "Mama Bavaria" auf die Bühne zu treten. Und weil sie uns wirklich alle lieb hat, wie sie betont - "wenn auch nur aus Pflichtgefühl", wie sie ergänzt -, ist es nur passend, dass sie dem Programmtitel noch ein "Mamma Mia" verpasst hat. Kommt sie doch selbst ganz wie eine italienische Mamma daher. Zumal ja ihre geliebten Niederbayern einst von den Römern ordentlich aufge-... äh, durchmischt wurden. Hauptsache, der Genpool wird aufgefrischt, lautet ihr Motto. Sie schafft es auch, im selben Satz Gentechnik und Emanzipation zu verbinden, und macht sich Sorgen, ob die ganze Beziehungskiste nicht sowieso irgendwann obsolet wird, wenn die Roboter den Männern die Frauen wegschnappen. Nicht nur in diesem Zusammenhang bricht sie eine Lanze für das bayerische Wirtshaus, das sie mit einer Montessori-Kindertagesstätte vergleicht. Aber auch die globale Lage beschäftigt sie, und ganz die Mama stellt sie irgendwann fest: "Auf der Welt schaut es aus wie im Zimmer eines Fünfzehnjährigen. Was da herumliegt!"

Es geht also um mehr als um Bayern, auch wenn die dortige Innenpolitik die Hauptlast trägt. Und so lästert sie vor allem über diverse bayrische (Ex-)Amtsträger. Aber so böse kann ihre Zunge gar nicht sein, dass es bei ihr nicht doch sympathisch wirkt. Fast schon naiv kommt sie daher, dabei hat sie es faustdick hinter den Ohren. Da mag sie noch so ratschen, wie ihr der Schnabel gewachsen ist - was sie dabei von sich gibt, sind oft sehr tiefschürfende Politanalysen (nicht umsonst war sie auf dem Nockherberg - siehe oben).

Aber es geht nicht nur um die hohe Politik, sondern auch um die wirklich relevanten Fragen im Leben. Zum Beispiel: Warum gibt jemand Ingwer zum Schweinsbraten? Scherz beiseite: Natürlich gibt es auch andere ernste Themen, die Kinseher - nicht bloß aus bayerischer Sicht - beackert: zum Beispiel den Umgang mit der Natur. Und um den Umgeng der Menschen miteinander. Dazwischen schmettert sie erst eine Arie und singt danach Balladen, ehe sie ins Chinesische abgleitet. Bevor es aber zu ulkig wird, kehrt sie zurück in ernsthafte Gefilde. Denn auch eine "Mama Bavaria" muss drauf schauen, dass alles seine Ordnung hat. Zumindest in Bayern. Wenn es schon auf der Welt ausschaut wie in einem Jugendzimmer.