2018 erhielt der junge bildende Künstler Sean Keller für seinen Stückentwurf "Sommer" das Hans-Gratzer-Stipendium. Nun wurde das fertige Stück am Wiener Schauspielhaus uraufgeführt.

Die Bühne ist zugleich entindividualisierter Gemeinschaftsraum - rosa Bar inklusive Plüschtierspielautomaten - und eingeschweißter Erinnerungsort. Auf getrockneten Efeuranken steht eine Plexiglasbox. In ihr tanzt eine Frau im Sportoutfit zu über Lautsprecher eingespielten Erzählungen von einst.

Die Menschheit hat sich geteilt, die einen gingen, die anderen blieben. Wer noch ein singuläres Individuum ist, wer bereits in regelmäßigen Abständen die Identität wechselndes Wesen, bleibt offen. Die, die es nicht mehr sind und sich nicht mehr spüren, üben irgendwann den Aufstand, fügen einander Wunden zu, die an das erinnern, was im Dauerrhythmus wieder verschwindet. Am Ende scheitert die Revolution der in der Zeit-Raum-Schleife wild Wummernden, das Individuum hat ausgesorgt. "Niemand weiß noch, was ein Körper, eine Identität ist", heißt es einmal in der in starken Lichtstimmungen zwischen noch Erinnertem und kollektiven Ritualen multipler Seinszustände irisierenden Inszenierung von Elsa-Sophie Jach.

Keller hat mit "Sommer" eine an Sprachbildern überbordende Textwelt geschaffen, deren dystopische Energie zwischen Dekonstruktion, Dada und Disco keinen Halt mehr erlaubt. Hier ringt jede einzelne um ihre Affirmation in einer Welt der Postindividuen, die sich im Warten auf die Zukunft schon lange verloren haben.