Wien."Es war nicht immer eine leichte Aufgabe", fasst Christophe Slagmuylder die vergangenen Monate zusammen. Im Vorjahr sprang der 52-jährige Belgier kurzfristig für den vorzeitig zurückgetretenen Festwochen-Intendant Tomas Zierhofer-Kin ein, mittlerweile ist sein Vertrag bis 2024 fixiert. Dem breit gefächerten Programm merkt man indes überhaupt nichts von der extrem kurzen Vorbereitungszeit an. Von 10 Mai bis 16. Juni stehen 45 Produktionen mit 430 Künstlern aus 19 Ländern auf dem Spielplan.

"Die Frage des Zeitgenössischen steht im Fokus", gibt sich der Intendant programmatisch. "Das Festival versucht ein Gegenmittel für jede Form von Selbstüberhebung zu sein, für jeglichen Reflex von Konservatismus, für die Tendenz, eben das schützen zu wollen, dessen Verlust wir fürchten."


Link-Tipps
www.festwochen.at
wienerzeitung.at ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.

Die Festival-Eröffnung findet nach wie vor am Rathausplatz statt, aber für die Eröffnungspremieren wird das Theaterpublikum erstmals in die Donaustadt pilgern. Der bevölkerungsstärkste Wiener Bezirk verfügt kaum über kulturelle Infrastrukturen, mit einer Vielzahl an Aktivitäten im 22. Bezirk versuchen die Festwochen, dies zumindest für die Dauer des Festivals zu revidieren.

Herzstück des Eröffnungsmarathons ist die fast sechsstündige Aufführung von "Diamante". Der Argentinier Mariano Pensotti hat eine Art szenische Telenovela erschaffen, bei der es um Aufstieg und Niedergang einer fiktiven Stadt sowie Migration und Neubesiedelung geht. Das Mammutunternehmen wurde bei der vergangenen Ruhrtriennale uraufgeführt. Die Festwochen waren in ihren besten Ausgaben stets Schaufenster zum Welttheater. Slagmuylder knüpft offensichtlich an diese Tradition an und konzentriert sich dabei auf einige Schlüsselfiguren des europäischen Theaters.

Die Choreografin Angélica Liddell ist mit ihrem jüngsten Projekt "The Scarlet Letter" genauso vertreten wie der in Wien ebenfalls nicht ganz unbekannte Romeo Castellucci. In diesem Jahr wird der italienische Bilderstürmer allerdings mit zwei performativen Arbeiten vertreten sein, die den Rahmen der Guckkastenbühne sprengen: In "Le Metope del Partenone" und "La vita nuova" geht es um den Zusammenhang zwischen Körper und Maschine.

Bühnen-Stürmer

Der polnische Theatermagier Krystian Lupa gastiert mit seiner Kafka-Bearbeitung "Proces". Und der Schweizer Theatermacher Milo Rau, der zur Zeit wie kaum ein anderer das Prinzip Stadttheater herausfordert, ist mit "Orest in Mossul" zu Gast. Der portugiesische Theatermacher Tiago Rodrigues ist erneut in Wien zu sehen. Er rückt in "Sopro" eine Souffleuse ins Zentrum der Auseinandersetzung. Der Schwede Markus Öhrn verstörte im Vorjahr mit einer Aufführung rund um häusliche Gewalt, er setzt seine Bühnen-Erkundungen menschlicher Abgründe heuer mit "3 Episodes of Life" fort.

Das deutschsprachige Theater ist im diesjährigen Programm mit zwei markanten Regie-Positionen vertreten: Das Diskurs-Theater der Marke René Pollesch bringt die Uraufführung von "Deponie Highfield" heraus. Ersan Mondtag, im Vorjahr erstmals mit einer "Orestie"-Bearbeitung in Wien, gastiert 2019 mit Sibylle Bergs noch unveröffentlichtem Stück "Hass-Triptychon".

Das internationale Theaterschaffen ist etwa mit neuen Arbeiten des japanischen Regisseurs Toshiki Okada ("Five Days in March Re-creation" vertreten, mit dem Argentinier Federico León ("Yo escribo. Vos dibujás) sowie dem Libanesen Rabih Mroué ("Borborygmus"). Zudem gibt es nach langer Wien-Abstinenz ein Wiedersehen mit dem US-Bühnenkünstler Robert Wilson: "Mary Said What She Said" ein Stück von Darryl Pinckney mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle.

Das Musiktheater, traditionell Stiefkind der Wiener Festwochen, ist auch heuer nicht sonderlich stark vertreten. Als experimentelle Opernwerke werden "Penelope Sleeps" von Mette Edvardsen sowie "Narciss und Echo" von David Marton angekündigt. Slagmuylder hob besonders die "Suite n.3 - Europe" der französischen Gruppe Enycyclopédie de la parole hervor, "eine Art Liederabend in allen Sprachen, die in der Europäischen Union gesprochen werden". Mit dem Ensemble Ictus ("Pneuma") wird zudem die Zusammenarbeit mit dem Konzerthaus wieder belebt. Livemusik und Tanz verbindet auf kongeniale Weise Anne Teresa De Keersmaekers Verarbeitung von Bachs Brandenburgischen Konzerten.

Das Programm 2019 vereint bekannte und unbekannte Bühnenkünstler, arrivierte Positionen und Newcomer. Auf ins Theater!