Wien. Es gibt Regisseure, die platzen nur so vor Erklär-Drang: Kaum hat das Interview begonnen, erläutern sie ihr Projekt schon von A wie Ausstattung bis Z wie Zentralbotschaft. Es gibt da aber auch Kollegen wie Calixto Bieito. Männer der sanften und eher sparsamen Worte - vor allem, wenn sie nach ihrem Konzept befragt werden. Bieito will seiner Regiearbeit offenbar keine Gebrauchsanweisung mitgeben, das Publikum zu eigenen Schlüssen kommen lassen.

Ein leises Auftreten, das überrascht. Schließlich hat sich der Nordspanier in den Nullerjahren mit recht drastischen Operndeutungen einen Namen gemacht, gilt bis heute als "Skandalregisseur". Im Gespräch mit dem Mittfünfziger ist davon kein Hauch zu spüren. Und Bieito empfindet das Eklat-Etikett als ungerecht. Stimmt zwar - das war schon er, der 2004 Mozarts "Entführung aus dem Serail" trieblastig inszeniert hat und damit an der Komischen Oper Berlin hohe Wellen schlug. Aber: "Ich habe zu dieser Zeit auch ganz andere Produktionen gemacht, meine Arbeit trägt verschiedene Farben." Und: "Ich wollte mit der ‚Entführung’ eine heutige Liebesgeschichte erzählen. Mit diesen Reaktionen habe ich nicht gerechnet." Es sei ja nicht so, dass "ich mit meinem Team dasitze und sage: ‚Lasst uns dies und das machen, um zu provozieren.‘" Auch weide er sich nicht insgeheim an Buhrufen: "Ich mag sie nicht, ich kann aber daran nichts ändern. Ich muss ehrlich gegenüber mir selbst sein. Den Schlüssel, um alle zufriedenzustellen, besitze ich nicht."

Nun liefert Bieito sein spätes Debüt in Wien. Das Theater an der Wien hat ihn für den "Elias" von Felix Mendelssohn Bartholdy geholt - kein Musiktheater, sondern ein Oratorium. Warum ein Konzertwerk auf die Opernbühne stellen? "Ich mag religiöse Stücke", sagt Bieito, der auch schon Bachs Johannes-Passion mit einer Handlung versehen hat. "Die Komponisten konnten in diesen Stücken viel existenziellere Ideen ausdrücken als in einer normalen Opernhandlung, sie mussten nicht sklavisch der Mode folgen." Dabei ist Bieito überzeugt, im "Elias" Tiefenschichten der Komponistenseele entdeckt zu haben: Man fühle Mendelssohns Konflikt zwischen seiner jüdischen Herkunft und christlichen Sozialisation.

"Alles Interpretation"

Von Zweifeln und Ängsten erzählt auch das Werk: Prophet Elias, ein grimmiger Kämpfer gegen die Götzenanbeter, wird im zweiten Teil regelrecht von einer Depression niedergerungen. Bieito: "Elias ist kein Heiliger im herkömmlichen Sinne. Ihn so darzustellen, wäre völlig falsch. Er besitzt Führungskraft, steckt aber voller Widersprüche" - ein Mix, den Christian Ger-
haher in der Titelrolle charismatisch verkörpern würde. Bieito hat sich zudem seine Gedanken über den Chor gemacht, schließlich gehe es im "Elias" auch um die Manipulierbarkeit der Massen. Und: Hier zeigen auch die Schrecken des Alten Testaments ihre Fratze. Bieito hat sie schon als Kind kennengelernt: "Elf Jahre war ich in einer Jesuiten-Schule. Wir mussten dem Priester aus dem Alten Testament vorlesen; ich habe mich dabei immer gefürchtet."

Entschädigt es für solche Grausamkeiten nicht ein wenig, dass der Prophet am Ende zum Himmel auffährt? Bieito hat da seine Zweifel: "Er fährt mit einem feurigen Wagen zum Himmel. Als Kind habe ich aber gelernt, Feuer gehöre zur Hölle." Wohin sein Elias wirklich gehen wird - ab Samstagabend wird es im Theater an der Wien zu begutachten sein. Wobei der Spanier versichert, "voller Respekt gegenüber Religion und Spiritualität" zu sein. Was ihm aber auch heilig ist: die grenzenlose Freiheit künstlerischer Interpretation. Denn, und das ist einer seiner Lieblingssätze: "Alles ist Interpretation."