Umarmung, so fest die Verzweiflung zulässt: Raphael von Bargen mit Swintha Gersthofer, im Hintergrund Silvia Meisterle. - © Moritz Schell
Umarmung, so fest die Verzweiflung zulässt: Raphael von Bargen mit Swintha Gersthofer, im Hintergrund Silvia Meisterle. - © Moritz Schell

"Bekennen schreit es durch die ganze Bibel", sagt der Rott-Bauer einmal, sich selbst tapfer bestärkend. Deshalb hat er es dann doch auch getan: sich bekannt zu seinem protestantischen Glauben. Obwohl es ihn alles kosten wird. Das Drama "Glaube und Heimat" von Karl Schönherr basiert auf der historischen Geschichte der Vertreibung der Protestanten aus dem Zillertal 1837. Wer nicht katholisch war und sich weigerte, dem "lutherischen Irrglauben" abzuschwören, musste das Land verlassen. Das Stück, das bei seiner Uraufführung 1910 ein veritabler Bühnenhit war, hatte am Donnerstag im Theater in der Josefstadt Premiere.

Rotts Frau hat die Bauernstube (Bühne: Miriam Busch) trefflich katholisch eingerichtet: der Herrgottswinkel ist prominent, die Muttergottes raumgreifend. Die Rottin (Silvia Meisterle) ist gar eifrig im verdammenden Beobachten der Nachbarn Sandperger, die sich zum Auswandern herrichten. Die Hennen, die ihr die Nachbarin (standhaft-schnörkellos: Alexandra Krismer) überlassen will, will sie gleich als Teufelsbrut aussetzen. Ihr Mann rettet das inkriminierte Geflügel. Als er später heimlich seine versteckte Bibel herausholt, ist auch klar, warum.

Kinder ohne Ketzereltern

Der Mord des Gesandten des Kaisers an der Nachbarin, die nicht und nicht ihre verbotene Lutherbibel hergeben will, führt zum Sinneswandel bei Rott. Auch er hat die Erkenntnis: "Mein Gewissen ist ein strengerer Herr als Papst und Kaiser." Damit stürzt er seine ganze Familie ins Unglück. Die Frau fügt sich aus Treue in das Schicksal, der todkranke Vater (Michael König) verleugnet nach wie vor seinen Glauben. Bis er hört, dass tote Protestanten würdelos am Schinderanger verscharrt werden. Die Katastrophe steuert auf ihren Höhepunkt zu, als das Gesetz plötzlich vorsieht, dass Kinder das Land nicht mit ihren "Ketzereltern" verlassen dürfen - sie sollen in den Katholizismus "gerettet" werden. Für Rotts Sohn Spatz (Swintha Gersthofer), den einzigen, der sich aufs Auswandern gefreut hat, nimmt das kein gutes Ende.

Raphael von Bargen spielt die Zerrissenheit des Bauern Rott mit einer spannenden Mischung aus Zurückhaltung und Dringlichkeit. Silvia Meisterle ist als leidenschaftlich-verzweifelnde Rottin ein bebender Brennpunkt der Inszenierung. Roman Schmelzer vermittelt die Seelenqual, die der Tod seiner Frau, ihr moralischer Auftrag und seine Angst vor dessen Konsequenzen ihm verursachen, bedrückend. Der Fanatismus von Claudius von Stolzmann als Reiter des Kaisers im ewig blutigen Hemd wirkt mitunter etwas aufgesetzt. Nikolaus Barton sorgt als "Kriegsgewinnler" Engl-bauer, der alle verlassenen Höfe aufkauft, für Auflockerung in der kargen Trostlosigkeit - die leise Komödiantik wirkt aber auch deplatziert.

Kein Trost, aber ein Clown

So wie in der Inszenierung von Stephanie Mohr einiges nicht so wirklich zusammengreifen will. Sie belässt das Stück in seiner Zeit, die wenigen Verfremdungseffekte, wie ein alptraumhaftes Auf-der-Stelle-Wandern des Flüchtlingstrecks oder der synchron mit Kreide auf die Wand geschriebene Satz "Es gibt keinen Trost", können der Antiquiertheit nicht abhelfen. Die Thematik bleibt dadurch so weit weg, wie ein historischer Vorfall eben ist - ein freies Weiter-Assoziieren in die Gegenwart bleibt aus. Nicht jedem geht auch Schönherrs tirolerisch verbrämte Kunstsprache leicht von der Zunge. Als gar konstruierter Fremdkörper wirkt Kyrre Kvam, der mit schiefer Clownschminke offenbar den immer wieder propagierten "Kehraus" - der Fasching als Austreiben des Bösen - symbolisieren soll und sich mit seinen Musikeinlagen weder in die Inszenierung sinnstiftend einfügt, noch sie erkenntnisreich bricht.

Unterm Strich zwar eine solide und bemühte Inszenierung. Aber schade um ein kraftvolles Stück, das viel Aufrüttelungspotenzial hätte - wie Martin Kušej vor einigen Jahren gezeigt hat.