Der Grat zwischen allegorischem Archetyp und banalem Klischee ist ein schmaler. Im Falle des milden blonden Engels etwa, dessen flüchtiger Kuss den Tod bringt. Oder beim polternd rufenden, bärtigen Propheten, dessen düstere wie verzweifelte Warnungen von den Seinigen nicht gerne gehört werden - die ihn gar für die Gottesbotschaft verurteilen.

Calixto Bieito bleibt bei seiner Inszenierung der alttestamentarischen Geschichte des Elias im Theater an der Wien gut zwei Stunden lang auf der Seite der Archaik. Dabei konzentriert sich der Regisseur bei der Bebilderung von Felix Mendelssohn Bartholdys gleichnamigem Oratorium auf das Wesentliche: das Ringen des Gottesmannes mit seinem Götzen anbetenden Volk, dessen König, mit Gott - und letztlich mit sich selbst. Seine Bildsprache ist schlicht, eine Kartonkirche - später die Überreste davon - reicht ihm als Symbol des Herren. Dazu lässt er es regnen, die Decke bedrohlich herabsinken, destilliert aus den Soli markante symbolische Figuren und deutet reihenweise Kehlschnitte an.

Statik des Archetypus

Dass dabei nicht alle Bildideen zünden oder sich im Laufe des Abends an der aus dem Archetyp entstehenden Statik müde laufen, ist der Preis dieser Reduktion auf die dramatische Essenz. Seinem einstigen Ruf als brutaler Skandalregisseur wird Bieito nicht gerecht, auch wenn er für seine Umsetzung einige Buh-Rufe kassierte. Die Bilder auf der kahlen Bühne (Rebecca Ringst) kranken eher an Statik denn an Provokation.

Dass die Premiere am Samstag ein packendes, intensives Stück Musiktheater bot, lag aber vor allem an der musikalischen Umsetzung. Christian Gerhaher ist in der Titelpartie eine Klasse für sich. Der deutsche Bariton legt diesen Elias stimmlich wie darstellerisch finster ahnend, verzweifelt mahnend und düster resigniert an. Die Nuancen, mit denen er spielt, sind fein abgestuft, fast beiläufig - eine Rolle, die ihm auf den Leib komponiert scheint.

Es ist ein alltäglicher Held, in beigen Cargohosen mit kariertem Hemd, der für das (Seelen-)Drama nichts benötigt als die Kraft der eigenen Stimme. Der kristalline stimmliche Gegenpol zu Gerhaher ist die Sopranistin Maria Bengtsson als auch darstellerisch präsente Witwe, szenisch ist es Kai Rüütel als elegant grausamer (Todes-)Engel. Die Beziehung zwischen Elias und dem (dramaturgisch ausgebauten) Engel ist das Miniaturspielfeld, in dem Bieito das Werk spiegelt und ansiedelt.

Jukka-Pekka Saraste am Pult des Radio Symphonieorchesters Wien realisiert die dichte Partitur fiebrig und dennoch mit großer Klarheit und drängender Intensität, nimmt das Orchester aber weit genug zurück, um die Sänger unterstützend glänzen zu lassen. Die musikalische Hauptlast allerdings trägt bei diesem Oratorium neben der Titelfigur der Arnold Schoenberg Chor. Und der zeigt einmal mehr seine Qualitäten als differenzierter, szenisch präsenter Opernchor. Ein feiner Musiktheaterabend, dessen Wirkmacht aus der Reduktion kommt.