Wien/Karlsruhe. Hilde Zadek ist am Donnerstag im Alter von 101 Jahren in Karlsruhe verstorben, gab Freitagabend die Wiener Staatsoper bekannt. Staatsoperndirektor Dominique Meyer sprach von einer "bedeutenden Künstlerin, die das Nachkriegsensemble der Staatsoper repräsentierte wie wenige, eine legendäre Pädagogin, die Generationen prägte."

Zadek war Kammersängerin und Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper. "Vor einigen Jahren habe ich sie auch persönlich kennenlernen und mich von ihrer warmherzigen, angenehmen Art begeistern lassen dürfen - vor einem Jahr haben wir in der Staatsoper gemeinsam ihren 100. Geburtstag gefeiert. Wir werden Hilde Zadek - unseren Sonnenschein, wie ich sie nennen durfte - vermissen", sagte Meyer. Die Wiener Staatsoper wird zum Zeichen der Trauer die schwarze Fahne hissen.

Ehrenmitglied der Staatsoper

Ihren letzten Staatsopernauftritt absolvierte Zadek 1971 in der Walküre, danach zog sie sich von der Bühne zurück. Seitdem war sie in Österreich und international als Gesangslehrerin tätig, leitete unter anderem bis 1978 die Gesangsabteilung am Konservatorium der Stadt Wien. 1951 wurde ihr der Titel Österreichische Kammersängerin verliehen, 1977 wurde sie Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper. Darüber hinaus war die Sopranistin Trägerin des Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst sowie der Wiener Ehrenmedaille und erhielt das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.

Hilde Zadek, geboren am 15. Dezember 1917 in Bromberg (Provinz Posen), musste vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten flüchten: 1935 emigrierte sie in das damalige Palästina, das heutige Israel. Dort machte sie eine Ausbildung zur Säuglingsschwester. Mit dem damit verdienten Geld studierte sie Gesang am Jerusalemer Konservatorium. 1945 ging sie nach Zürich, wo sie der Wiener Staatsoperndirektor Franz Salmhofer entdeckte, als er sie in der Wohnung seiner Patentochter singen hörte. Prompt stellte er ihr ein Engagement in Aussicht. Allerdings dauerte es bis 1947, dass Hilde Zadek in Österreich einreisen konnte.

Partie in fünf Tagen gelernt

An der Wiener Staatsoper debütierte Hilde Zadek am 3. Februar 1947 als Aida in der gleichnamigen Oper von Giuseppe Verdi. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie noch nie auf einer Bühne gestanden und lernte die Partie in fünf Tagen, ohne eine einzige Probe. Hilde Zadek gehörte zu nicht nur zu den Stützen des legendären Wiener Mozart-Ensembles der Nachkriegszeit, sie setzte sich auch, unter anderem bei den Salzburger Festspielen, für die zeitgenössische Oper ein und gestaltete Rollen etwa in Carl Orffs "Antigonae", Erich Wolfgang Korngolds "Die tote Stadt" und "Der Ring des Polykrates", Frank Martins "Der Zaubertrank" und Gottfried von Einems "Dantons Tod".

Einen unvergessenen Auftritt hatte sie in Gian-Carlo Menottis "Der Konsul", da sie diese Tragödie um Flucht und unmenschliche Einreisebestimmungen als Parallele zu ihrem eigenen Schicksal empfand. Hilde Zadek war mit ihrer psychologisch ausgefeilten, leidenschaftlichen Gestaltungsweise maßgeblich daran beteiligt, die traditionelle Oper hin zum modernen Musiktheater zu entwickeln. Mehr als 25 Jahre blieb die Kammersängerin der Wiener Staatsoper treu.

Ihren Entschluss, als Jüdin bereits kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs für die Täter zu singen, fasste Hilde Zadek bewusst: "Ich habe mich entschieden, das Wiener Publikum zu lieben, sonst hätte ich nicht für sie singen können."