Die Bühne des Burgtheaters nachtschwarz, als alleinige Lichtquelle leuchtet im Hintergrund der Schriftzug "America"; auf dem Spielplan steht Joseph Roths Roman "Hiob". Der Bühnenboden ist eigentümlich gewellt und lässt an kahle Hügel- und Wüstenlandschaften denken - ein Schauplatz der Isolation und Entfremdung, ein Ort, an dem man nicht heimisch wird.

Im elegant-abstrakten Bühnenbild von Stefan Hageneier tauchen die Figuren wie Schattenbilder aus einer untergegangenen Welt auf, wie dem Bilderbuch eines jüdischen Schtetls entsprungen. Peter Simonischek verkörpert die Hauptfigur Mendel Singer mit aufgeklebtem Bart und Schläfenlocken; ein Gebetsbuch lugt aus den Manteltaschen des Thora-Lehrers hervor.

Roths "Hiob"-Roman setzt vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein und führt bis zum Ende des Kriegs - im Mittelpunkt der Leidensweg des Tora-Lehrers Mendel Singer. Wie der biblische Hiob muss auch Mendel mit schweren Schicksalsschlägen zurande kommen, sein Glaube an Gott wird auf eine harte Probe gestellt. "Hiob" ist Schtetl- und Großstadtroman, das Buch handelt vom Auswandern in Form einer erstklassigen Familiensaga mit geradezu märchenhaftem Ausgang.

Schmackhaftes Leid

Die Ausstattung im Burgtheater mag bei den Kostümen historisch korrekt punkten, muss sich aber die Frage gefallen lassen, ob das Personal auf dem Podium ausnahmslos wie ein Abbild von antisemitischen Stereotypen auszusehen hat. Und vor allem: Was folgt aus der klischeebeladenen Ausstattung für die Spielweise des Ensembles? Antworten darauf bleibt die Aufführung in der Regie von Christian Stückl schuldig.

Überhaupt fragt man sich bald, worauf die ganze Unternehmung abzielt. Bereits das Anfangsbild wirkt wie ein Missverständnis. Simonischek sitzt als Mendel Singer an der Bühnenrampe, seine Familienmitglieder liegen kunstvoll verrenkt vor ihm auf dem Boden; er hält eine Ansprache an die Toten, beklagt das Ableben seiner Ehefrau Deborah: "Voller Not und ohne Sinn war dein Leben." Nämliche Passage taucht erst gegen Ende des Dramen-Textes auf, wirkt in der Bühnenfassung von Regisseur Stückl und Dramaturg Florian Hirsch am Anfang völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Dieser Abend droht vom Start zu zerfransen und wird drei lange Stunden keinen inneren Halt mehr finden. Theater, das in ansprechenden szenischen Bildern um sich selbst kreist.

Joseph Roths "Hiob", im Pariser Exil verfasst und 1930 erschienen, wurde der erste durchschlagende Publikumserfolg des Literaten und Journalisten. Gleichwohl nimmt "Hiob" im Gesamtoeuvre eine Sonderstellung ein: Roth verhandelt darin für ihn charakteristische Themen wie Einsamkeit, Heimatverlust, Flucht - erratisch bleibt, weshalb er dem Roman ein Happy End gönnt. Roth distanzierte sich von seinem Erfolgsbuch: "Es ist mir zu virtuos in seinem Geigenton: Paganini; das Leid ist zu schmackhaft und weich." Der Roth-Satz ist im Programmheft nachzulesen.

Tatsächlich kommt "Hiob" nicht ohne ein gewisses Maß an Pathos aus. Stückls Personenführung vermag dieser Tendenz wenig entgegenzusetzen. Nicht unbedingt zum Vorteil der Aufführung. Obwohl Peter Simonischek das Zeug hätte, einen denkwürdigen Mendel Singer zu verkörpern, forciert die Regie allzu sehr das Gefühlvoll-Gefühlige, nicht gerade wenige Monologe triefen geradezu vor Kitsch.

Regina Fritsch hält in der Rolle von Ehefrau Deborah tapfer dagegen. Mit aufrechter Haltung, reduzierten Gesten und schneidender Stimme skizziert sie eine wunderbar unsentimentale Figur. Eindruck hinterlässt auch Tino Hillebrands Darstellung des epileptischen Sohns Menuchim, der auf wundersame Weise geheilt wird. Hillebrand spielt die körperlich beeinträchtigte Figur ohne Effekthascherei. Selbst das unwirkliche Finale vermag er zu durchbrechen. Dem Redeschwall seines Vaters, der vom verlorenen Sohn schwadroniert, begegnet er mit Schweigen, mit einem Blick auf die Uhr, mit der Flucht aus diesem Bühnenspiel: "Ich muss los, Vater."