Basel ist derzeit aus mindestens zwei Gründen ein kulturelles Gravitationszentrum. Zum einen zeigt die Fondation Beyeler den revolutionären, jungen Picasso, zum anderen bringt das Theater Basel ein revolutionäres Stück auf die Bühne. Auch bei "Diodati.Unendlich" ringen jugendlich frische KünstlerInnen um Werk und Aufmerksamkeit.

Der Hintergrund ist historisch verbürgt: 1816 trifft sich in der Villa Diodati am Genfersee ein halbes Dutzend sehr unterschiedlicher Figuren. Da sind der stürmisch drängende Dichter Lord Byron, die bald zu Weltruhm gelangende Mary Goodwin (später Shelley) - Erfinderin des Kultmonsters Frankenstein. Hinzu kommt Byrons im Laufe des Abends zunehmend in seinen Patienten verliebter Leibarzt John Polidori, außerdem der Dichter Percy Shelley sowie weiterer Familienanhang von Byron und Mary. Die Damen und Herren wollten eigentlich den See genießen, doch das konsequent mickrige Wetter fesselt sie an den Kamin der Villa. Man erzählt sich Gruselgeschichten. Was die illustre Gemeinschaft nicht weiß, sie wird beobachtet. Aus der Zukunft, vielmehr, aus unserer Gegenwart. Denn in Genf steht heute der Teilchenbeschleuniger CERN und der forscht nicht nur nach dem Higgs-Boson und weiteren ungreifbar-unbegreiflichen Dingen, sondern auch nach vergangenen, aber immer noch wirksamen, verdichtet-dichterischen Energien.

Regisseurin Lydia Steier inszeniert virtuos detailverliebt (und meist grotesk überdreht) die ständige Überlappung der Zeiten und Spielebenen.

Von Free- bis Speed-Jazz

Der Schweizer Komponist Michael Wertmüller packt das reichlich irre Geschehen in mal konzentriert-packende, mal hübsch mäandernde Klangräume, neben dem "normalen" Orchester gibt es Jazziges (mal free, mal speed) vom Trio Steamboat Switzerland. E-Gitarre (Yaron Deutsch) und Hammond-Orgel treffen auf gewaltigste Klangkaskaden. Wertmüller geht es dabei - durchaus in der Nachfolge Bernd Alois Zimmermanns - immer auch um transzendierende Zeitkonzepte, um musikalische Verräumlichung und das genaue Austarieren von Ebenen und Schichten.

Titus Engel hält die zahlreichen Fäden und Seile der Partitur perfekt zusammen, das Ensemble ist schlicht phänomenal. Holger Falk brilliert als Byron mit ungeheurer Bariton-Bandbreite, Kristina Stanek bewältigt ihre monströse Mary-Partie großartig und muss sich am Ende auch noch mit einem realen Monster herumschlagen. Ja, es kommt dank neuester Gentechnik und skrupellosen Wissenschaftlern zu einem veritablen (meta)physischen Ereignis, doch dann lösen sich - laut Dea Lohers fulminant vielschichtigem Libretto- sämtliche Teilchen auf. Diese gibt es jedoch, folgt man einem bekannten deutschen Wissenschaftstheoretiker und -skeptiker, eigentlich sowieso nur beim Bäcker.

Ein grotesk-großartiger Abend, auch dank des hervorragenden Chors (Einstudierung Michael Clark) und den stupenden Leistungen der Theatertechnik.