Cissy Kraner und Hugo Wiener waren Großkünstler der Kleinkunst. Der 1993 verstorbene Komponist hat mit satirischen Chansons die Wiener Seelenlandschaft umgegraben, die eigenwillige Intonation der 2012 verstorbenen Diseuse war Garant dafür, dass die Lieder vom Herrn Nowak und Co unvergesslich wurden.

Die "Wiener Zeitung" sprach mit Karin Sedlak, Autorin von "Alles für’n Hugo", über das bewegte Leben der beiden Künstler zwischen Migration und Wiederaufbaujahren. Das Lebensbild "Alles für’n Hugo" ist derzeit im Rabenhoftheater zu sehen, mit Katharina Straßer als Cissy Kraner und Boris Fiala als Hugo Wiener.

"Wiener Zeitung":Wie wurde aus Gisela Kraner Cissy Kraner?

Die Wiener Theaterwissenschafterin Karin Sedlak (im Bild links) hat mehrfach über Cissy Kraner (im Bild rechts) und Hugo Wiener publiziert und den Nachlass bearbeitet. - © Karin Sedlak
Die Wiener Theaterwissenschafterin Karin Sedlak (im Bild links) hat mehrfach über Cissy Kraner (im Bild rechts) und Hugo Wiener publiziert und den Nachlass bearbeitet. - © Karin Sedlak

Karin Sedlak: Cissy Kraner wurde 1918 als Gisela Maria Spitz in Wien geboren. Ihren Taufnamen Gisela mochte sie aber nie und nannte sich bereits als Schauspielschülerin Gisy. Bei einem Auftritt in Holland kam es einmal zu einem Druckfehler - mit großen Auswirkungen: Nicht "Gisy", sondern "Cissy" stand auf dem Plakat. Ihr gefiel das auf Anhieb so gut, dass sie beschloss, sich fortan nur mehr so zu nennen. Wobei das C unbedingt als Z ausgesprochen werden muss und ja nicht als S. Sie wusste eben schon immer, was sie will, und hat das auch durchgezogen. Dieser Willensstärke hat sie vieles zu verdanken, anders wäre sie erst gar nicht ans Theater gekommen. Ihre Eltern waren davon nämlich überhaupt nicht begeistert.

Kraner und Wiener lebten von 1938 bis 1948 in Caracas. Warum sind sie nach Venezuela migriert?

Ursprünglich hat Hugo Wiener sie als Soubrette für eine Tournee zur 400-Jahr-Feier der Stadt Bogotá engagiert. Von dort aus ging es weiter durch ganz Kolumbien und Venezuela. Doch die Tour war von Anfang an von Widrigkeiten überschattet - allein, dass Wiener einen Reisepass bekam, war ein bürokratischer Hindernislauf rund um die "Reichsfluchtsteuer", das Flugzeug wäre fast abgestürzt, sie waren monatelang unterwegs, mussten mit verschiedensten Problemen kämpfen, vorne und hinten hat nichts funktioniert, es war das reinste Chaos. Schließlich sind sie in Caracas gestrandet, die Truppe war da schon halb aufgelöst, es gab kein Geld mehr, aber in dem ganzen Irrsinn haben die beiden zueinandergefunden. Anders als Wiener, der als gebürtiger Jude von den Nationalsozialisten verfolgt wurde und dessen gesamte Familie im Holocaust ums Leben kam, gab es für Cissy Kraner keinen zwingenden Grund, aus Nazi-Deutschland zu fliehen. Sie hat allerdings bereits 1938 gespürt, dass es in Österreich zu schrecklichen Dingen kommen wird. Deswegen hat sie Hugo Wieners Angebot angenommen und ist mit ihm nach Südamerika gegangen und auch geblieben.