Dem Stück "Ella" von Herbert Achternbusch, das vergangenen Samstag seine Premiere bei den 25. Tiroler Volksschauspielen Telfs feierte, liegt vom Prinzip her ein ähnliches Krankheitsbild zugrunde. Nur spricht anstelle der leidgeprüften Mutter oder eines halluzinierten Zwillings, eigener, leibhaftiger Sohn, der ganz mit ihrer Person eins geworden ist, während sie über ihr Schicksal eisern schweigt.

Ella, die heute eine alte Frau ist, durchwanderte ihr Leben lang die tiefsten Täler menschlicher Existenz. Sie wurde gegen ihren Willen verheiratet, geschlagen, mittellos vor die Tür gesetzt, zigeunerte umher, kam ins Gefängnis und später in die Irrenanstalt. Ihr Sohn Josef, der mit ihr die letzte Station dieser unheilvollen Odyssee bewohnt, einen Hühnerstall, erträgt das Unglück seiner Mutter nicht und erzählt in ihren Kleidern und mit höher modulierter Stimme von den zahllosen Schrecknissen.



Schauspielerische Glanzleistungen


Klaus Rohrmoser, sonst Schauspieldirektor am Tiroler Landestheater, ist in der Rolle des Josef mit nichts zu beschreiben, was ihm annähernd gerecht würde. Beängstigend und verloren wie ein shakespearesches Gespenst schlurft er durch die Kulissen, füttert Hühner und lässt fast magisch eine Stimmung der Beklemmung entstehen, die sich in den stärksten Szenen mit einem vagen Gefühl der Erleichte-rung ablöst, da endlich gesagt wurde, was jeder schon geahnt hat.

Julia Gschnitzer, deren Name allein schon Garantie großer Schauspielkunst ist, hat dem Wort Körpersprache eine neue Bedeutung gegeben. Ihre Ella braucht in der Tat nicht von den Erlebnissen ihres verkorksten Lebens zu sprechen. Ein Blick auf ihren geschundenen und von der Zeit gezeichneten Körper genügt, um bei jeder Handbe-wegung oder einem Stirnrunzeln das nächste Kapitel dieser schauderhaften Geschichte auszuschlagen.

Mit der Wahl eines echten Hühnerstalls als Bühne hat Regisseurin Judith Keller wieder zum ursprünglichen Mut der Tiroler Volksschauspiele zurückgefunden, unübliche Orte mit anspruchsvollem Theater zu bespielen. Christine Brandi (Ausstattung) tat ein Übriges mit Hasendraht und einer Federnschmuckperücke für Klaus Rohrmoser, um "Ella" zur wahrscheinlich gelungensten Inszenierung dieses Jahres in Telfs zu machen.

Ella

Von Herbert Achternbusch

Judith Keller (Regie)

Mit Klaus Rohrmoser und Julia Gschnitzer

Tiroler Volksschauspiele Telfs

(Tel.: 5262/62014)

Wh.: 8., 9., 11., 13., 14., 17.-19., 22.-24., 29.-31. August

So beklemmend wie

faszinierend.