Ottokar hat kein Glück. Von der ersten Minute an ist klar, dass etwas mit dem König nicht stimmt, dass der Stücktitel "König Ottokars Glück und Ende" etwas irreführend ist, dass es hier wohl nur um das Ende gehen wird. Erschöpft, frustriert, deprimiert kauert Tobias Moretti gleich zu Beginn auf seinem Thron. Allein auf der weitläufigen, spärlich erleuchteten Bühne. Eine Stimme aus dem Off spricht ein sanftes Mantra - "relax, inhale, relax" - wie eine Anleitung zur Entspannung für gestresste Manager. Noch bevor Ottokar zur Ruhe kommen könnte, gehen die Lichter schlagartig an - die Staatsgeschäfte rufen.

Im Hintergrund der Bühne, die Martin Zehetgruber wie eine zitronengelbe Spannholzschachtel konstruiert hat, lungert bereits Rudolf Habsburg. Michael Maertens stellt ihn devot im mausgrauen Anzug und beigem Staubmantel eher wie einen schleimigen Ver-treter dar, als einen künfti-gen Rivalen und baldigen Herrscher. So beginnt auf der Bühne der Perner-Insel in Hallein das Match zwischen dem müden Eroberer Ottokar und dem wendigen Karrieristen Rudolf.

Es ist ein Kreuz mit Grillparzers Monarchendrama, das den Aufstieg der Habsburger im 13. Jahrhundert anhand des Untergangs des Böhmenkönigs Ottokar P ø emysl beschreibt. Diesem historischen Trauerspiel, das im Grunde bloß einen Machtwechsel thematisiert und dabei auf raffinierte Weise politischen Verrat mit privatem Betrug verzahnt, haftet etwas von einem innoffiziellen Staatsakt an. Wie in kaum einem anderen Klassiker wird hier nämlich die österreichische Identi-tät verhandelt. Von der Uraufführung im Jahr 1825 an war das selten gespielte Stück deshalb immer auch eine Art patriotischer Standortbestimmung.

Bei Regisseur Martin Kusej sind die Österreicher nun ein Volk von Statisten, die im Dirndl, im Ballkleid oder im Bikini stumm das tun, was man ihnen sagt. Das ist eine so einfache wie überzeugende und dabei überaus witzige Lösung - noch dazu gelingen mit dem folgsamen Statistenheer auch eindrucksvoll-ironische Massenszenen.

Erstaunlicherweise hält sich der dreistündige Abend auch ziemlich genau an die sperrige Textvorlage, die mit schmeichlerischen Lobreden auf Österreich ("Es ist ein gutes Land!") gespickt ist.

Neu ist hingegen ein Einschub gegen Ende des Stücks: In einem frei erfundenen Monolog wird die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert rekapituliert, als wäre sie ein Albtraum, der von Leninüber Hitler und Stalin bis hin zu Gorbatschow reichen würde.

Doch das Politische markiert für Martin Kusej nur die Oberfläche. Was ihn mehr interessiert, sind die kranken und verwirrten Seelen, die sich hinter den Sonntagsreden verbergen. Michael Maertens liefert dabei als Rudolf die perfekte Farce eines modernen Politikers. Sein Kanzlerton ist gespreizt, seine flache Fassade augenfällig, seine Leutseligkeit verlogen. Tobias Moretti hingegen legt als Ottokar die gelungene Charakterstudie eines Verlierers aufs Parkett. Hier die kühle Vernunft, dort der wilde Exzess, hier der rückgratlose Wendehals, dort der gebroche-ne Zweifler: Ottokar und Rudolf sind in dieser analytischen Inszenierung, die keinen Moment Langeweile aufkommen lässt, wie zwei Komplementärfiguren angelegt. Auch wenn Rudolf das Match gewinnt, liegen die Sympathien eindeutig auf der Seite Ottokars.

Der Abend ist fast wie eine Hommage auf die Grübler, die Ungestümen und die Verratenen. Der Rest ist Ironie. Wie das Schlussbild, bei dem die Wiener Sängerknaben glockenhell ein Volkslied anstimmen: "In die Berg bin i gern."