• vom 12.01.2005, 00:00 Uhr

Bühne

Update: 08.04.2005, 17:23 Uhr

Gruppe 80: Arthur Schnitzlers "Liebelei", inszeniert von Helmut Wiesner

"Nur zum Erholen sind sie da"




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Von Hilde Haider-Pregler

  • "Zum Erholen sind sie da", die "süßen Mädeln" aus der Vorstadt. Mit der immerwährenden Liebe sollten sie aber solch eine "Liebelei" nicht verwechseln, sonst ist die Katastrophe unausbleiblich. An dieser Erfahrung zerbricht Christine Weiring in Schnitzlers längst klassisch gewordenem Schauspiel.

Helmut Wiesner inszeniert es als Requiem auf den unerfüllten Traum vom großen Glück. Emotional packend, ohne Abgleiten ins Sentimentale. Die verschiedenen Spielarten der Liebe entpuppen sich allesamt als Illusionen oder Selbsttäuschungen. Im Öffentlichkeit und Privatheit verschränkenden Bühnenraum (Carlo Tommasi) - in der Mitte eine Kaffeehaustheke - werden in den Figuren des Stückes in einer Collage (beinahe willkürlich zugeordneter) Zitate ihre Erinnerungen lebendig. Dann erst setzt die Handlung ein.


Die Frauen erscheinen da wie leibhaftig gewordene Männerfantasien: Die leichtlebige, eher proletarisch als kleinbürgerlich auftretende Mizi Schlager (Julia Lazek) im grellroten Fähnchen weiß ganz genau, was ihr die Liaison mit einem jungen Herrn aus gutem Haus einbringen kann und beschert ihrem Theodor (Peter Strauss) genau jenes Amüsement, das er von ihr erwartet, manchmal vielleicht sogar etwas zu viel an ungenierter Anschmiegsamkeit und überdrehter Laune. Ihre Freundin Christine (Lilian Klebow) hingegen ist fest überzeugt, in Theodors Freund Fritz (Hary Prinz) nicht nur die erste, sondern die nie endende Liebe gefunden zu haben. Mit unbeirrbarer Überzeugung lässt sie sich von ihrem Gefühl leiten, ohne Rücksicht darauf, dass sie ihren Ruf und damit auch ihre Zukunft aufs Spiel setzt, auch wenn sie ihrer Erscheinung nach noch wie ein schüchtern-naives Mädchen im weißen Kleid anmutet.

Als Todesbote (oder Racheengel?) gibt es noch die bei Schnitzler nicht vorgesehene schwarze Frau (Gabriele Hütter), die, dramaturgisch nicht ganz schlüssig, statt des betrogenen Ehemanns bei Fritz erscheint, mit der Nachricht, dass ihr Verhältnis entdeckt sei. Für Fritz war diese "dämonische" Frau, deretwegen er im Duell fällt, die ganz große Leidenschaft, von der ihn Theodor durch Christine zu heilen versuchte. Die ahnungslose Christine erfährt vom Tod des Geliebten erst nach dessen Begräbnis und bricht, in der Erkenntnis, ihm nicht mehr als eine "Liebelei" bedeutet zu haben, verzweifelt zusammen.

Wiesner lässt diesen Schluss nicht realistisch ausspielen, sondern die übrigen Akteure als Beobachtende im Hintergrund verharren. Unter ihnen auch Christines Vater, dessen Schlusssatz "Sie kommt nicht wieder" konsequenterweise ungesagt bleibt. Dieter Hofinger gestaltet ihn als introvertierten, von Selbstvorwürfen gequälten alten Mann, der es im Leben immer richtig machen wollte und nun zweifelt, ob er auch wirklich immer das Richtige getan hat. Nicht vergessen sei Helga Illich als zuckersüß-hinterfotzig um Christine besorgte Nachbarin.

Fazit: Eine eindrucksvolle Ensembleleistung, ein Abend, an dem sich die spezifischen Stilmittel der Gruppe 80 im Umgang mit österreichischen Klassikern einmal mehr bewähren.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2005-01-12 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 17:23:00

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