• vom 03.11.2003, 00:00 Uhr

Bühne

Update: 08.04.2005, 11:10 Uhr

Bukarest: Festival der österreichischen Dramaturgie

Kulturelle Seelenverwandte in Sachen Theater und Regie




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter

In Zusammenarbeit mit der österreichischen Botschaft in Bukarest, den Wiener Bezirksfestwochen und dem rumänischen Kulturministerium organisierte Geirun Tino vom Wiener Pygmalion Theater das erste Festival der österreichischen Dramaturgie in Bukarest.


Derzeit in Rumänien laufende Inszenierungen, die heimische Stücke oder Texte behandeln, wurden dabei konzentriert in drei Theatern der rumänischen Hauptstadt gezeigt. Wenngleich die Auswahl schwer fiel, denn das Interesse rumänischer Theatermacher an Österreichs Autoren scheint größer zu sein, als eine Festivalwoche an Terminen anzubieten hat. Die Veranstalter entschieden sich für Thomas Bernhards "Macht der Gewohnheit", Arthur Schnitzlers "Reigen", eine Bearbeitung von Franz Kafkas Text "Das Schloss", und für zwei Stücke von Werner Schwab, nämlich "Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos" und "Die Präsidentinnen". Podiumsdiskussionen zu verschiedenen Aspekten des österreichischen Gegenwartstheaters rundeten die Veranstaltung ab.

Sowohl Medien als auch Publikum verfolgten die Vorgänge rund um Österreichs Autorenwelt mit großer Aufmerksamkeit. Über die Beschaffenheit der kulturellen Seelenverwandtschaft zwischen Bukarest und Wien wurde in den täglichen Gesprächsrunden eingehend diskutiert. Was verbindet die beiden Kulturen und warum locken ausgerechnet Autoren wie Werner Schwab das rumänische Publikum ins Theater? Vom spezifischen Umgang mit dem Tod war die Rede und von der Wiener Leidenschaft für die Groteske. Dem rumänischen Publikum ist Wiens theatralische Tradition nicht ganz fremd, studierten doch einige rumänische Theatergrößen vergangener Tage bei Max Reinhardt.

In der Zwischenkriegszeit legten Schauspieler und Regisseure, die aus Wien oder Paris in ihre Heimat zurückkehrten, den Grundstein für eine bis heute lebendige Theaterszene. Selbst Ceaucescus Versuch, die Bühnen des Landes zu Propagandazwecken zu missbrauchen, scheiterte letztlich an der Widerstandskraft der Künstler. Bis heute gelten die Theater als Orte des Diskurses, eine Tatsache, die sich vor allem im überwiegend jungen Publikum widerspiegelt.

Junge Regie-Generation

Doch nicht nur im Auditorium und im Pausenfoyer ist die junge Generation anzutreffen, sondern auch am Regiesessel. Felix Alexa inszenierte Schnitzlers "Reigen" so, dass er zum Renner der Saison wurde und das Nationaltheater der Stadt Timisoara bat den erst 26-jährigen Wiener Regisseur Ulf Dückelmann um die Bearbeitung von Thomas Bernhards "Macht der Gewohnheit". Obwohl dieses Stück im Publikum gleichermaßen Betroffenheit wie Unverständnis auslöste, wurde der Versuch, politische Ereignisse der jüngeren Geschichte des Landes aufzuarbeiten, doch sehr positiv aufgenommen. Der clowneske Umgang des Regietalents mit dem brutalen Werk rührte an Wunden der Vergangenheit und zog eine angeregte Diskussion über die Rolle von Metapher, Ästhetik und Provokation nach sich.

Jahrzehntelange Zensur

Die jahrzehntelange Zensur hatte die kritische Abstraktion zum wesentlichen Konzept der Theaterwelt erhoben. Ironischerweise verdrängte die Revolution von 1989 diesen künstlerischen Zugang teilweise zugunsten allzu voreiliger Anlehnungen an den Westen. Manche Inszenierungen, wie etwa "Der Reigen" oder "Die Präsidentinnen" erinnerten zu stark an ausländische Vorbilder. Geirun Tino hat diese neue Orientierungslosigkeit am rumänischen Theater wohl am trefflichsten dargestellt. Seine dramaturgische Aufarbeitung von Franz Kafkas Text "Das Schloss" zeigt das unbegreifliche, ewige Zerplatzen von Träumen als traumatisch schönen Irrwitz der Gegenwart.

Und damit schließt er auch den Kreis zwischen den Kulturen, denn die Frage nach der Zukunft der Kunst ist tatsächlich völkerverbindend. Fünf Tage lang wurde in Bukarest nach Antworten gesucht - erfolglos, doch die Themen und Fragen, die dabei von Kulturvertretern, Medien und Publikum aufgeworfen wurden, waren von inspirativer Kraft. Wir hoffen auf Fortsetzung.



Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2003-11-03 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 11:10:00


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die neue Einstimmigkeit
  2. Harald Schmidt, Michael Niavarani und ihre Prostata
  3. "Euryanthe" als packendes Kammerspiel
  4. Ewiger Mythos Paris
  5. Posthume Resterampe
Meistkommentiert
  1. "Die Weiden" erleiden Schiffbruch an der Staatsoper
  2. Die neue Einstimmigkeit
  3. ORF teilt TV-Sender gesellschaftlichen Gruppen zu
  4. Posthume Resterampe
  5. Eine wunderbare Reise zu den Ursprüngen von Jethro Tull

Werbung



Förderpreisgewinner Christoph Fritz mit Moderatorin Verena Scheitz und "vormagazin"-Chefredakteur Christoph Langecker.

Peter Handke bei der Verleihung des 19. Wiener Theaterpreises "Nestroy" im Theater an der Wien. Hier mit dem Preis für sein Lebenswerk. Neo-Viennale-Chefin Eva Sangiorgi (links) mit der Regisseurin des Eröffnungsfilms Alice Rohrwacher

Sozialdemokratische Kundgebung für das Frauenwahlrecht, Wien-Ottakring, 1913 "Der Bauerntanz", entstanden um 1568.


Werbung