Mit einem "Stück Wien" - so der Untertitel von "Transdanubia-Dreaming" - errang der österreichische Jungdramatiker Bernhard Studlar, Jahrgang 1972, im Akademietheater einen einhelligen Publikumserfolg. Eine bühnenwirksame Studie über altvertraute wienerische Mentalitäten, noch kein ganz großer Wurf, aber eine beachtliche und vielversprechende Talentprobe.

Entstanden ist das bissig-unterhaltsame, mit ein wenig Melancholie und Sentiment angereicherte Stimmungsbild in Berlin, wo Studlar an der Hochschule der Künste "Szenisches Schreiben" studiert hat und "aus der Distanz" mit seiner Geburtsstadt ins Reine zu kommen versuchte. Dass jede Erinnerung an Wien von vornherein auch Clichés zu Tage fördert, ist wohl unvermeidlich. Studlar bemüht sich auch gar nicht, ihnen auszuweichen. Sein liebevoll-kritisch anvisiertes Transdanubien ist mit einer Reihe unverkennbarer, mehr oder minder "gemütlicher" Wiener Typen bevölkert: mit einem durch nichts zu erschütternden Heurigenwirt und seinen Stammgästen, einem türkischen Rosenverkäufer und einem rassistischen (Inländer)-Taxilenker... Ihnen allen hat Studlar höchst aufmerksam aufs Maul geschaut und ihnen in witzig-pointierten, den Dialekt farbig variierenden Dialogen eine unverwechselbare Sprache verliehen, die umso decouvrierender wirkt, wenn die Figuren etwas anderes ausdrücken, als sie eigentlich sagen wollen.

Nicolaus Brieger verlässt sich in seiner gefälligen Inszenierung voll und ganz auf das komödiantische Geschick seiner Darsteller und Darstellerinnen. Der Himmel über Wien hängt nicht voller Geigen, sondern voller Heurigentische (Bühnenbild: Karl Kneidl). Im wenig einladenden Gastgarten darunter schlurft Johann Adam Oest als Wirt Josef Prinoszil wortkarg, lethargisch und mit hängenden Schultern durch die Gegend. Dem allein erziehenden Vater steht die Sorge um seine heftig verliebte Teenager-Tochter (Stefanie Dvorak), die nur ihren Karli (David Oberkogler) im Kopf hat, ins Gesicht geschrieben. Wenn es um Gefühle geht, fehlen ihm eben immer die richtigen Worte. Auch angesichts der lebenslustigen Jennifer, die er mit besonderer Zuvorkommenheit - gestraffte Körperhaltung, einladendes Lächeln - bedient.

Doch Petra Morzé, eine hinreißende Vorstadt-Femme fatale mit berührenden Momenten, übersieht diese überdeutlichen Signale. Sie hat nur Augen für Herrn Josefs treuesten Stammgast: für den Gärtner Manfred, der seine Einsamkeit allabendlich mit mehreren Vierteln ertränkt und sich Jennifers Avancen seinen eigenen heimlichen Wünschen zum Trotz langhin widersetzt. Cornelius Obonya überzeugt als treuherzig blickender, seine Schüchternheit mit Sprücheklopfen überspielender Phlegmatiker. Mit Apfel- bzw. Topfenstrudel und einem Achterl stärken sich allwöchentlich zwei alte Witwen, die ihren wortreich betrauerten Gatten nach jahrzehntelanger Ehe die Todesqual verkürzt haben, nach ihrem rituellen Friedhofsbesuch. Hilke Ruthner und die vornehme Heimtücke versprühende Bibiana Zeller brillieren als wahrhaft infernalisches Duo.

Die hinterfotzige Musikuntermalung durch ein Heurigen-Trio mit Bassklarinette, Violine und Zither (Otmar Klein, Klaus Riedl, Karl Stirner) sorgt zusätzlich für ein stimmungsgebendes Ambiente.

Auf der Donauinsel, wo Sheriff (Tuncay Gary) seinen Kebab-Stand bis spät in die Nacht hinein offen hält, hat es mit der Gemütlichkeit ein Ende. Der Taxifahrer Hansi, in Gestalt von Heinrich Schweiger Urbild des gemütlichen Wieners, zündet in einem unbeachteten Augenblick die Imbiß-Bude des verhassten Ausländers an und flüchtet. Doch einige Wochen später ist bei Prinoszil die Welt wieder in Ordnung. Jedenfalls scheint es so...

Ein vordergründiges, scheinbar sentimentales Happyend, das jedoch beim näheren Hinschauen mehr als nachdenklich stimmt.