Vor 15 Jahren hat es mit der Uraufführung nicht geklappt: "Elisabeth II.", Thomas Bernhards vorletzter Theatertext - und wie kaum ein anderer für die Burg maßgeschneidert -, kam schließlich in Berlin heraus. Für ein bereits fixiertes Gastspiel dieser (wenig geglückten) Produktion musste wegen Bernhards Testament eine Notlösung gefunden werden, die wahrhaft bernhardesk anmutet: Wiener Theaterbesucher stiegen bei der Oper in einen Shuttle-Bus, um im Stadttheater Bratislava ein Stück zu sehen, das in einer Bel-Etage am Opernring spielt . . .

Nun aber macht das Burgtheater mit einer begeistert akklamierten Modellinszenierung von Thomas Langhoff das Versäumnis von einst mehr als wett und straft überdies den in seinem Rollstuhl dahingrantelnden Protagonisten Lügen, die Burg sei nun einmal eine "perverse Stückevernichtungsmaschine".

Extra-Applaus gibt es bereits für das Bühnenbild (Roland Gassmann): Ein weitläufiger Salon von leicht verblichener Eleganz mit Ausblick auf die Oper - genau der passende Rahmen für all die Aristo-Lemuren, die sich hier zum Entsetzen des Hausherrn versammeln, um vom Balkon aus der auf der Ringstraße vorbeifahrenden Königin von England zuzujubeln. Und Thomas Langhoff trifft in seiner präzisen, ohne Pause ablaufenden Inszenierung bis hin zur kleinsten Nuance den richtigen Ton für das bitterböse, zugleich urkomische Stück, das Bernhard dezidiert mit "keine Komödie" untertitelte. Rund um die monologisierende Zentralgestalt des alten Großindustriellen Herrenstein entwickeln sich in stummen Aktionen Beziehungsgeschichten zwischen den Figuren, ohne in vordergründigen Realismus abzugleiten. Sprachlich fesseln sowohl Bernhards satirischer Witz als auch die aufs allzu österreichisch Selbstgefällige gemünzten Polemiken.

Gert Voss als "Begräbnisanzugsenthusiast" Herrenstein ist naturgemäß kein 87-jähriger Greis, wie es der Text eigentlich vorsieht, sondern ein von innerem Zorn erfüllter Raisonneur, der mit seiner Immobilität und den Beeinträchtigungen des sich allmählich ankündigenden Alters seine Umgebung genussvoll, trotzig, selbstmitleidig und komödiantisch tyrannisiert und in seiner Inkonsequenz manchmal an ein trotziges Kind erinnert. Ignaz Kirchner als sein langjähriger, glatzköpfiger, aalglatter Diener Richard, der sich hinter dem Rücken seines Herrn mit stummen, feixenden Kommentaren Luft macht, lässt sich mit Virtuosität auf dieses Spiel ein. In Herrensteins Angst, Richard könne ihm wegen seines Verhältnisses mit einem gewissen Doktor Schuppich den Dienst aufsagen, wird aber unterschwellig spürbar, dass es zwischen den beiden um mehr geht als um ein Betreuungsverhältnis auf rein geschäftlicher Basis.

Libgart Schwarz als die bigotte Haushälterin Fräulein Zallinger, in Herrensteins Augen ein "Faktotum mit stark eingeschränktem Nützlichkeitsfaktor", erfüllt ihre Pflichten, zumeist an den Wänden entlangschleichend, mit penetrant zur Schau gestellter Diskretion und tolpatschigem Ungeschick, während drei Dienstmädchen in gekonnter Choreographie das Buffet für die Gäste aufbauen. Aus dem Reigen der köstlich-überkandidelten adeligen Schreckschrauben, die zum Königin-Schauen hereintanzen, ragen vor allem Annemarie Düringer - als pseudointellektuelle, schmuckbehangene Gräfin -, Maresa Hörbiger, Bibiana Zeller und Ulli Fessel hervor. Wolfgang Gasser als Remigrant Guggenheim, für Herrenstein der einzige willkommene Gast, schwingt begeistert die Flagge seines Exillandes, als sich der Konvoi mit der Königin ankündigt und alle - mit Ausnahme von Herrenstein und Richard - zum tödlichen Finale auf den morschen Balkon drängen. Als sich die Staubwolke lichtet, stellt Herrenstein nach einem Blick in die Tiefe fest: "Wahrscheinlich sind alle tot". "Sicher", bestätigt Richard. Das Fest für Schauspieler ist zu Ende.