• vom 08.04.2002, 00:00 Uhr

Bühne

Update: 08.04.2005, 11:11 Uhr

Burgtheater: "Der Narr und seine Frau heute Abend in Pancomedia"

Begegnungen in der Hotelhalle




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Von Hilde Haider-Pregler

Einmal mehr macht Botho Strauß im Vertrauen auf seine bewährten dramaturgischen Ingredienzen die Bühne zum Spiegel des Zeitgeistes: Ein mehr oder minder anonymer Ort - diesmal eine Hotelhalle -, zufälliger Treffpunkt von Menschen, die vielleicht gar nicht so zufällig aneinander geraten, Konversationston, Situationen, die zwischen Realität und Imagination oszillieren. In der österreichischen Erstaufführung von "Der Narr und seine Frau heute Abend in Pancomedia" verstärkt sich der Eindruck des "Déjà vu" von Szene zu Szene.


Echte Langeweile kommt in Dieter Giesings präziser, bis zur kleinsten Rolle hin exquisit besetzter, billige Effekthascherei vermeidender Inszenierung trotzdem nicht auf. Die von den Darstellern und Darstellerinnen gezeigten Figuren des personenreichen Spektakels interessieren weit mehr als die Geschichte(n), in die sie verstrickt sind. Und Karl-Ernst Herrmann bedient die Schaulust mit einem ästhetisch perfekten Bühnenraum, der mit transparenten, beweglichen Wänden in wechselnder Beleuchtung jede Stimmung zu suggerieren versteht.

Der Handlungsfaden ist locker geknüpft. Da gibt es eine Jungautorin namens Sylvia Kessel, die mit ihrem Erstlingsroman auf den Bestsellerlisten gelandet ist. Um ihr zweites Buch bemühen sich ein Großverleger und ein karrierebewusster Einzelkämpfer, der mit seiner "Edition 24" den literarischen Markt intellektuell und kommerziell erobern möchte. Anne Bennent, geschickt zwischen persönlichen Beziehungsproblemen und beruflichen Chancen abwägend, entscheidet sich nach ihrer Lesung im einer weltweiten Kette zugehörigen Hotel (mit dem ironisch-aussagekräftigen Namen "Confidence") für den scheinbaren, nach eigener Aussage "am Rande des Irrsinns" lebenden Idealisten Zacharias Werner: So genannt nach dem längst vergessenen Verfasser von "Schicksalstragödien" im frühen 19. Jahrhundert. (Mit solchen Bildungsschnipseln, Rätselaufgaben fürs gebildete Publikum, ist der Text, wie man es von Botho Strauß erwarten darf, mehrfach angereichert.) Ob sie dabei aufs richtige Pferd setzt, sei dahingestellt.

Uwe Bohm, der seinen schicken Lederrucksack mit dem gesamten Büchersortiment immer dabei hat, wird alsbald vom Großverleger aufgekauft, als Abteilungsleiter beschäftigt, verliert das Interesse an seiner Autorin, sieht sich aber schon nach kurzer Zeit, als der Konzern von einem noch größeren geschluckt wird, mit einer satten Abfertigung neuerlich auf dem freien Markt. Nun setzt er neuerlich auf Sylvia, die ihrer beider Beziehung bereits druckreif vorlegen kann. Vielleicht gibt's in der Qualitätsnische einen Neuanfang - für Autorin und Kleinverleger?

Auf diesem Weg stolpern Protagonisten und Zuschauer über Begegnungen sonder Zahl. Da trifft etwa Zacharias Werner, als er zwecks Geldverdienen in einer situationskomisch glänzend ausgespielten Szene Models für ein Casting testet, auf ein schwerreiches Industriellentöchterlein in Gestalt der (nicht nur in dieser Rolle) brillanten Johanna Wokalek, die in Kultur zu investieren gewillt ist. Als seltsame Typen, Relikte aus den Tagen längst vergessener Varieté-Herrlichkeit, erheitern Branko Samarovski und Robert Meyer: ein (persönlich verfeindetes) Komikerduo, das im Agieren und Nonsens-Brabbeln komischer scheint, als es eigentlich ist. Gusti Wolf und Heinz Frölich lassen unsentimental Philemon- und Baucis-Stimmung anklingen. Sylvie Rohrer, Petra Morzé, Sylvia Lukan, Bernd Birkhahn, Hanspeter Müller, Peter Matic und manch andere verkörpern Menschen, wie man sie in Hotels, sei es am Tresen oder sei es als Gäste, antreffen könnte - in der Realität oder vielleicht als (Alp-)-Traum. Und Paulus Manker lässt sich die Gelegenheit zu kraftvollen Auftritten nicht entgehen.

Im Grunde kann sich jede/r das angebotene, satirisch glossierende Puzzle zusammensetzen, wie er mag. Keine der Figuren gibt sich wirklich preis, doch ihre Rätselhaftigkeit lässt merkwürdig kalt. Auch wenn gegen Ende ein schwarzgewandeter Liftboy als Todessymbol erscheint. Das Motto des Abends hat Botho Strauß schon vor Jahrzehnten mit einem damals vielbeachteten Stück vorgweggenommen: "Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle" (1975). Das war's auch. Nicht mehr - und nicht weniger. Die Welt ist eben ein (Pan-)Komödienhaus.



Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2002-04-08 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 11:11:00

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