• vom 17.12.2001, 00:00 Uhr

Bühne

Update: 08.04.2005, 11:11 Uhr

Kammerspiele: "Katzenzungen" von Miguel Mihura

Lachkatz und Schokoprinz




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Von Manfred A. Schmid

1966, als das Lustspiel des spanischen Autors Miguel Mihura an den Kammerspielen erstaufgeführt wurde, war es offenbar noch ein Risiko, in einer Komödie eine "richtige" Prostituierte in den Mittelpunkt zu stellen. Dass diese dann am Schluss von ihrem Schokoladeprinzen gar geheiratet wird, galt überhaupt als Tabubruch. Dennoch wurde das Stück ein Kassenschlager, erinnert sich Elfriede Ott, die damals die Hauptrolle verkörperte und nun Regie führt, im Programmheft.

Inzwischen hat sich einiges geändert. Das Musical "Das Mädchen Irma La Douce" und der Film "Pretty Baby" haben Sympathien und Verständnis für die Gunstgewerblerinnen geweckt, und als in der Sparte Dienstleistung tätige Steuerzahlerinnen haben diese selbst begonnen, sich gewerkschaftlich zu organisieren und für soziale Anerkennung und Absicherung zu kämpfen. Und die "Dame" von damals heißt heute natürlich längst nicht mehr Stupsi, wie in der Wiener Fassung von Hans Weigel, sondern (in der von Walter Müller stammenden "urguten" Bearbeitung) Änschi und wurde outfit-, benehmens- und ausdrucksmäßig gegenüber ihrer Vorgängerin wohl um einiges verschärft.


Sandra Cervik ist hinreißend - zunächst als unverblümt offenherzige "Strichkatz" und dann als im Kreise der bürgerlichen Familie ihres Bräutigams um Anpassung ringendes, überaus herziges Schwiegertöchterl in spe. Dass dieser Rollen- und Identitätswechsel nicht bruchlos klappt, sondern Anlass zu Heiterkeitsausbrüchen gibt, ist selbstverständlich. Noch dazu dann, wenn ihre Kolleginnen - Babsi (Petra Bernhard, als ursteirische Urlaute ausstoßende Rusterin), Ricki (Doris Nitsch) und Nora (schier zum Zerkugeln: Michaela Mock) - auftauchen und ihr gewohntes gesellschaftliches Umfeld unübersehbar und unüberhörbar in Erinnerung rufen. Doch die in weltfremder Abgeschiedenheit lebende Familie will das einfach nicht zur Kenntnis nehmen, sondern sieht in den merkwürdigen Geschöpfen Verkörperungen der neuen, freien Lebensart, die nachzuahmen sie sich alle ergötzliche Mühe geben. Bei der schrulligen Tante Fini (Aglaia Schmid bei ihrem gelungenen Comeback) ist das noch irgendwie verständlich, hat sie doch seit dem Tod ihres Mannes vor Jahrzehnten ihre Wohnung nie mehr verlassen und weiß daher nicht, wie sich die Welt verändert hat. Nicht ohne Grund ist ihr Domizil (Bühnenbild: Monika von Zallinger) einem Vogelkäfig nachempfunden. Warum aber auch ihr Neffe, das Muttersöhnchen Vincenz (Michael Dangl mit treuherzig-herzensgutem Dackelblick), der immerhin die Fabrik leitet, und seine Mutter Leopoldine (Gudrun Velisek) so naiv sind, will weniger einleuchten.

Wohl deswegen wird in dieser Aufführung outriert, was das Zeug hält. Elfriede Ott beherrscht dieses Metier perfekt und sorgt für Lacher am laufenden Band. Das Publikum amüsiert sich köstlich, und das ist wohl die Hauptsache. Ob dem Stück wieder so ein Erfolg beschieden ist wie vor 35 Jahren, ist nicht ausgeschlossen - besonders in Zeiten, wo man ja sonst so wenig zu lachen hat.



Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2001-12-17 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 11:11:00

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