In der Videokonserve: FUX zeigt Pseudogleichheitsklamotte. - © M. Heschl
In der Videokonserve: FUX zeigt Pseudogleichheitsklamotte. - © M. Heschl

Der Film kehrte zurück ins ehemalige Vorstadtkino in der Porzellangasse, wo 1948 Carol Reed eine Szene für den "Dritten Mann" drehte. Hinter dem Theatervorhang eine Filmleinwand. Am Rand der Zuschauertribüne ein Kabäuschen wie eine Kinokasse. Auf dem Programm "Was ihr wollt: Der Film". Klingt nach Shakespeare und behauptet hübsch kabarettistisch, simpel multimedial und listig didaktisch die Notwendigkeit einer funktionierenden "partizipativen Politik"; was Teilhabe der Bürger an Entscheidungsprozessen meint, doch oft nur Augenauswischerei, Pseudodemokratie, Etikettenschwindel ist. Das Schauspielhaus kündigte diese Uraufführung mit großen Worten an: "Gruselkabinett sozialer Optionen", "Gegenmodell zur kommenden Diktatur". Aber es bietet zumindest "Simpl"-Professionalität.

Zu geringe Rendite

Beweismaterial fanden Falk Rößler und Nele Stuhler, zusammen das deutsche Team FUX (so hieß auch ein Schauspieler mit Bösewichtgesicht, zugleich Apostel der bürgerlichen Grünbewegung) im neunten Wiener Gemeindebezirk ums Eck: Bürgerforen, Zukunftswerkstätten, Palaver mit Politikern und Beamten über Planungen im Servitenviertel, am Schlickplatz und an der Althan-straße. Dort wurde ein Megahochhausprojekt erst gestoppt, als die neue gesetzliche Pflicht, auch für Sozialwohnungen vorzusorgen, die errechnete Rendite des Investors schmälerte. Dem Hochhausbefürworter im Film fehlt Haupthaar wie dem nach dem Heumarkt-Konflikt abgetretenen Bauausschuss-Vorsitzenden Christoph Chorherr.

"Was Große tun, beschwatzen gern die Kleinen", sagt der Kapitän in der alten Komödie "Was ihr wollt". Wie aber finden Groß und Klein, Mächtig und Ohnmächtig und, nun konkret, die von der Politik verwöhnte obere Mittelschicht und die sozial "Abgehängten" zum Gespräch auf Augenhöhe zusammen? Rößler und Stuhler - vor zwei Jahren mit ihren "Frotzler-Fragmenten" erfolgreich im Schauspielhaus - Simon Bauer, Jost von Harleßem, Steffen Link, Vassilissa Reznikoff (mit großen Kinderaugen und Verführungsstimme) sowie Nils Michael Weishaupt (er singt, trommelt, pfeift) wechseln in einer einstündigen Videokonserve rasant Schauplätze, Masken und auch Kostüme.

Im Live-Vorspiel zeigt das Ensemble in Radlerhosen und glitzernden Paillettenhemden, wie im Ablauf der Theatergeschichte (Barden, Gaukler, Meistersinger, Globe Theatre, die trennende Vierte Wand im Bürgertheater) das Publikum zum Verstummen - und um Partizipation gebracht wird. Wie auf dieser Zeitschiene den Aufstieg zur Demokratie nachspielen? So komische Lehrfilmszenen würden auch ungeduldige Oberschüler bei Laune halten. Harmonie im Neandertal von Mensch und Mammut, Klassengesellschaft in Solons Athens mit den Sklaven als Ausgeschlossenen, Tyrannis wie unter Peisistratos, Feudalismus, Republikengründerzeit mit dem Vorbild USA, Verfeinerung des Wahlrechts. Gegenwart wird dazu gemischt in einem dokumentarischen Fake-Film, den ein Theaterkollektiv wie FUX zusammenschnipselt - mit Statements etwa von einem DDR-Exministerpräsidenten (der sich über "Runde Tische" von 1990 lustig macht), von Stadt-Wien-Potentaten, für einen Hundepark kämpfenden Bobos und einer raunzenden, allen neidischen Kleinbürgerin.

Satire auf Politalltag

Ein sympathischer Nervler trägt in kurzen Cuts einen Essay auf wissenschaftlicher Höhe über Partizipation aus mannigfaltiger Interessenlage vor. Eine solide Basis aller Satiren auf den Politalltag! Die heben vom ohnehin schon doppelten Realitätsboden ab im Running Gag mit einem Pinguin, der durch den Film watschelt, zuletzt als Tourist vor dem Wiener Parlament. Pinguine sind, zu Hunderten auf der Eisscholle fotografiert, vorbildlich egalitäre Wesen.

Der 100-Minuten-Abend steuert auf bestem Weg auf ein Live-Schlussbild hin. Doch das bricht ein. Die Bühne ist nun Hälfte eines Tennisfelds. Das Ensemble, in Cocktailkleidern aus dickem Rosettenstoff, tritt gegen die Zuschauer an. In einem Luftmatch ohne Bälle, flink und behänd, schreiend, uns Gegner mal anfeuernd, mal beschimpfend. Der Schiedsrichter beendet die soziale Pseudogleichheitsklamotte mit einem erlösenden, dennoch unbefriedigenden "Unentschieden".