Wien. Sein Name taucht in den vergangenen Jahren regelmäßig auf im Leben von Oksana Lyniv. Bei der Styriarte hat sie sich mit einem seiner Werke vorgestellt, in der Grazer Oper war ihre erste Premiere als Chefdirigentin 2017 sein "Onegin". Auch ihr Debüt im Theater an der Wien am Samstag gibt die Ukrainerin mit einem Werk von Peter Iljitsch Tschaikowski: Lyniv dirigiert die Wiener Symphoniker bei dessen früher Oper "Die Jungfrau von Orleans".

Die Musik des russischen Komponisten hat ihre Kindheit begleitet, erzählt Oksana Lyniv im Gespräch, seine Werke waren überaus populär, liefen im Radio und waren auf Schallplatte verfügbar. Beruflich hat sich Lyniv dem Werk Tschaikowskis trotz der frühen Prägung erst sehr spät gewidmet, als sie längst Opern wie "Carmen" oder "Tosca" dirigiert hatte: "Man braucht eine sehr gute und präzise Schlagtechnik für seine Musik. Sie ist voller subtiler Feinheiten, aber auch voll von höchst dramatischen Ausbrüchen. Hier die Balance zu behalten, nicht zu wuchtig, aber auch nicht zu süß zu werden, ist eine große Herausforderung." Tschaikowskis "Jungfrau von Orleans" kannte Lyniv nicht vor der Anfrage aus Wien, sie versteht nach der intensiven Beschäftigung aber nicht, warum das Werk so selten gespielt wird. Zur historischen Figur der Johanna jedoch hat die 41-Jährige eine sehr starke Beziehung: "Jeanne d’Arc hat mich seit meiner Kindheit fasziniert, schon allein, weil wir am gleichen Tag geboren sind. Die Übersetzung der historischen Gerichtsprotokolle war auch das erste Buch, das ich auf Deutsch gelesen habe während meines Studiums in Dresden."

Oksana Lyniv erobert von Graz die Musikwelt. - © www.opera4you.com
Oksana Lyniv erobert von Graz die Musikwelt. - © www.opera4you.com

Männliche Rache

Die Faszination Johannas geht für Lyniv davon aus, "dass sie absolut angstlos war, sich nicht von dieser männlichen Machtdominanz abschrecken ließ"; aber auch von der Tatsache, dass diese furchtlose junge Frau von eben diesen Männern letztlich benutzt wurde: "Sie verdanken Johanna ihren Sieg. Doch gerade deshalb wurde sie als lebendiger Beweis für das Scheitern der Männer verdammt."

Dass sie schon viel Tschaikowski dirigiert hat, hat Lyniv sehr geholfen bei diesem selten gespielten Werk, hat sie dramaturgische Fragen lösen oder an Details feilen lassen in Hinblick auf das Gesamtwerk des Komponisten. Dieses Feilen, das Hervorheben einzelner Stimmen, das Herausarbeiten der großen Linien, das alles ist der Dirigentin auch in Hinblick auf die szenische Umsetzung wichtig: "Die Musik muss in der Oper hörbar und sichtbar werden", ist Lyniv überzeugt. Mit der Regisseurin der Produktion, Lotte de Beer, gab es diesbezüglich regen Austausch: "Mir war wichtig, dass das musikalische Geschehen auf der Bühne gespiegelt wird, dass die beiden Ebenen organisch ineinandergreifen."

Ein verwandtes Grundkonzept kam dem Leading Team da sehr entgegen: "Es geht uns beiden nicht um die großen Effekte, sondern um eine feine Psychologisierung. Es gibt so viele berührende Momente in der Partitur, sie ist reich daran. Selbst die Holzbläser haben Mitleid mit dieser kindlichen und kraftvollen Johanna."

Die Rolle der Dirigentin vergleicht Lyniv mit einem Herzmuskel: "Auch vom Pult gehen Impulse aus bis in den letzten Winkel der Bühne, ja sogar bis dahinter. Und es fließt alles wieder zurück zu diesem pulsierenden Taktgeber." Bewegt sie selbst diesen Muskel mit dem analytischen Verstand oder mit der unmittelbaren Leidenschaft des Augenblickes? Lyniv: "Ich komme mit klaren Vorstellungen in die Proben. Aber irgendwann merke ich, dass es nicht mehr meine Ideen sind, sondern dass noch viel mehr zurückkommt und die Partitur nach und nach aufblüht im Dialog mit dem Orchester, mit dem Chor. Diese Dynamik gibt mir sehr viel Kraft."

Musikbotschafterin

Ihren Vertrag als Chefdirigentin in Graz hat Lyniv nicht über 2020 hinaus verlängert. Bereits vor ihrem Antritt gab es zahlreiche internationale Anfragen, nach den Erfolgen in Graz noch mehr: "Die erste Saison bin ich jetzt schon ausgebucht", erzählt Lyniv über die Entscheidung, sich momentan nicht fest an ein Haus binden zu wollen. Überaus verpflichtet fühlt sich Lyniv aber ihrer Heimat, in der sie nicht nur ein sehr erfolgreiches Klassik-Festival, das LvivMozArt in Lemberg, gegründet hat, sondern auch ein eigenes Jugendorchester, das sie leitet.

Auch die in der Sowjetunion verdammten Komponisten ihrer Heimat sind ihr ein Anliegen, das sie mit in die Welt trägt. Oksana Lyniv sieht sich dabei auch als musikalische Botschafterin mit einer klaren Mission: mit Musik neue Brücken zu schlagen. Und die Ukraine mit Themen jenseits von Politik, Gewalt und Krieg in die Schlagzeilen zu bringen.