Die unsichtbaren Gäste landen auf einer Insel Nirgendwo. Madame, genannt Semiramis (Maria Happel), schleppt Stühle in den Saal mit vielen Türen. Monsieur, namenlos (Michael Maertens), ein Karriereversager und darum Hausmeister geblieben, macht Honneurs und Konversation.

Urkomisch die Gespräche des Greisenpaars mit den Erwarteten, deren letzter und würdigster der Kaiser ist. Monsieurs weltbewegende Botschaft, sein vielleicht die Menschheit rettendes Vermächtnis soll durch einen professionellen Redner verkündet werden. Der kommt auch wirklich in Fleisch und Blut. Zufrieden, am Ziel, stürzen sich die Alten ins Meer, ihre Seelen steigen als Luftballons himmelwärts. Doch der gertengleich sich verbiegende Nichtsnutz im Künstlerkostüm des 19. Jahrhunderts stammelt bloß wirre Laute und kritzelt durcheinandergewirbelte Buchstaben an die Wände. Immerhin neun davon ergeben ein Wort mit Hintersinn: "Engelbrot" - das Manna aus der Bibel.

Stühle-Schlepperei

In den "Stühlen" von Eugène Ionesco im Akademietheater beschädigt Mavie Hörbiger mit Kreideschrift die originale Schlusskomposition. Sie schreibt "Adieu" dazu - wohl ein Gruß an Claus Peymann. Eine Krankheit zwang den Langzeit-Burgchef, die Inszenierung seines Abschiedsstücks an Leander Haußmann abzugeben. Nur dieser verbeugte sich in einem T-Shirt mit dem Aufdruck "Peymann".

Peymanns letzte Arbeit an der Burg in der Kehraus-Saison seiner einstigen Mitarbeiterin Karin Bergmann stand unter keinem guten Stern. Maria Happel in der Rolle der "Alten" brach sich während der Proben das Bein. Der 80 Jahre alte Theatermacher erkrankte. Bei der Premiere fiel der dunkelblaue Ballonseidenvorhang vor der Dekoration, schon während die Zuschauer einströmten. Gestresste Bühnenarbeiter hängten ihn wieder auf, doch der Überraschungseffekt war verschenkt.

Ein tiefer Raum, links und rechts eine Leiter an die Wand gelehnt, ein verhungerter Luster über Maria Happel. Unter einer pechschwarzen Lockenperücke blinzelt, oft mit Giulietta-Masina-Augen, ein Mondgesicht. Mit Unterröcken wurde "die Alte" auf Petticoatbreite ausstaffiert und beinahe dicker als groß gemacht. Vorerst ist Happel ein Mütterchen, der ihr Gefährte wie ein Säugling auf den Schoß hüpft. Maertens steigert sich in vielen Verwandlungen, in denen er den Habitus seines Nicht-vis-à-vis annimmt. Spricht er auf einen "Oberst" ein, erstarrt das wärmesuchende Kind von davor zum furchtgebietenden Militaristen. Kein Kotau vor dem Kaiser ist ihm zu tief. Maria Happel ruht in sich selbst. Auch als Stühle-Schlepperin, zuletzt sogar unterstützt durch drei gleich kostümierte Assistentinnen. Nicht der einzige ordnungswidrige Gag. Er hilft immerhin die Kälte aufbrechen, die Maertens mit schneidend scharfen, nasal überkippendem Sprechen und Steifheit an Leib und Miene vom ersten Moment an generiert.