Streiten schon wieder: Jacobowsky (Johannes Silberschneider) und der Oberst (Herbert Föttinger). - © Sepp Gallauer
Streiten schon wieder: Jacobowsky (Johannes Silberschneider) und der Oberst (Herbert Föttinger). - © Sepp Gallauer

"Man hat so wenig Wahl heutzutage zwischen Tod und Tod", sagt Jacobowsky einmal. In solchen Situationen muss man sich auch auf Kompromisse einlassen. Wie einen Chauffeur, der sagt: "Wenn die Straße schnurgerade ist, fahre ich sährr brillant." Und das ist noch seine positivste Kompetenz. Das ist Oberst Stjerbinsky, und er und Jacobowsky werden eine Schicksalsgemeinschaft bilden. "Jacobowsky und der Oberst" ist Franz Werfels letztes Theaterstück, er verarbeitete darin seine eigene Fluchterfahrung. Im Theater in der Josefstadt hatte das Stück am Donnerstag in einer überaus einnehmenden Inszenierung von Janusz Kica Premiere.

Düster beginnt alles im grauen, film-noirigen Bühnenbild von Karin Fritz: Im Keller des Hotels ist Licht natürlich bei Bombenalarm verboten, weil lebensgefährlich. Zwei Bewohner fehlen im provisorischen Schutzbunker: Jacobowsky taucht bald auf, er war nur schnell glasierte Maroni besorgen, was sonst. Der flüchtende Jude wartet in Paris auf die Weiterreise in seine fünfte Heimat. Der zweite Bunkernachzügler kommt in weiblicher und knapp bekleideter Gesellschaft nach: Oberst Stjerbinsky lässt auch im Krieg in der "Kathedrale seines Herzens eine Kerze brennen" für die Damenschaft.

Nicht nur Hühner in Gefahr

Die Wehrmacht rückt bereits gefährlich nahe, Jacobowsky ist spät dran mit seiner Weiterreise an die Küste. Er kann ein Auto besorgen, aber ein Fahrer fehlt ihm. Der polnische Oberst, der geheime Dokumente zu den Alliierten bringen muss, braucht wiederum eine Fortbewegungsmöglichkeit. Für den ohnehin - zu Recht - nervösen Jacobowsky ist nicht nur die Fahrtechnik des Soldaten verheerend - "Sie töten Hunde und Hühner millionenfach!" -, sondern auch die Route. Die wird nämlich ausgebaut, um eine weitere Dame abzuholen - große Kathedrale des Herzens -, und so ein kleiner Umweg von mehreren Tagen kann einen in Todesgefahr Schwebenden schon einmal aus der Fassung bringen.

Die problematische Beziehung der beiden ist Kern dieser Komödie. Werfel legt ihnen famose Zänkereien in den Mund. Johannes Silberschneider ist nicht weniger als genial besetzt als Jacobowsky. Ihm gelingt die Gratwanderung zwischen Galgenhumor, alternativlosem Optimismus und Untergangsrealismus grandios. Herbert Föttinger darf als missmutiger Oberst alle Register des bösartigen, aber umso witzigeren Grants mit polnischem Kunstakzent ziehen. Überhaupt, wenn er wieder "sährr schwärmüttig" ist.

Resistance-Powergirl

Den Humor, der sich daraus speist, dass manche ihre Egozentrik auf Kosten anderer nicht einmal im Angesicht der Lebensgefahr einschränken, nicht kippen zu lassen, ist eine Leistung, die Regisseur Kica gut gelingt. Pauline Knof ist als Stjerbinskys Geliebte Marianne verbindendes Element und macht eine glaubhafte Entwicklung vom ignorant-verliebten Weibchen zum Widerstands-Powergirl mit Baskenmütze. Matthias Franz Stein als des Obersts Vasall Szabuniewiecz sorgt für Sidekick-Komödiantik. Ein luxuriöses Ensemble unterstützt die Hauptfiguren in der fast filmisch-episch anmutenden Inszenierung, etwa Therese Lohner als besorgt-energische Ginette, die nicht einsehen will, dass Marianne der Liebes-Verlustierung wegen nicht mit ihr fliehen will vor den Deutschen, oder Michael Schönborn als schön schizophrener Gendarm, der erst an der Grenze zur Schikane changiert und pünktlich zu Dienstschluss seine Menschlichkeit wie ein Feierabendjausenbrot herausholt.

Das ganze Ensemble, aber besonders Silberschneider und Föttinger machen Werfels feinsinnigem, aperçureichem Witz mit philosophischem Fundament alle Ehre. Ein erbaulicher Theaterabend, der zeigt, dass Humor und Intelligenz sich auch vertragen - so wie Jacobowsky und der Oberst am Ende.