Von Hitler hieß es, dass er vor Wut in Teppiche biss. Die Puppe Klein Donald, von Nikolaus Habjan in Goldjacke auf die Landestheaterbühne St. Pölten gesetzt, zerquetscht ihren Riesenlolly und schleudert ihn fort. Du-du-du!

Elfriede Jelinek gebar aus Deutungslust und tiefgefühlter Angst einen Präsidentenpopanz. In ihrem 2017 in Hamburg uraufgeführten Polit-Grusical "Am Königsweg" zerrt sie Trumps Immobiliengeschäfte, Nuttenaffären, Mauerbaukampagne und Kinderabschiebungen ins Schlaglicht. Nicht aber die Liebesgrüße aus Moskau im Wahlkampf. Wie gewohnt locken Wörter mit Doppelsinn, wie Lauf, Fall, Schein, die diskursive Logik auf Holzwege. Ihr Aufklärungstheater hinkt der Zeit um zwei Jahre hinterher. Denn der volksgekrönte "König" lieferte seit der Wahl jede Woche neue Schlagzeilen.

Donald Trumps infantile Tiraden setzt die Dichterin mit Sophokles‘ Inzest-wider-Willen-Tragödie "Ödipus" in Freuds Lesart in Beziehung. Wenn ihr Bühnen-Trump wie der biblische Abraham einen Sündenbock opfern will, hält ihn kein Gott oder Über-Ich zurück. Theorien über den Opferkult, den es braucht, damit primitive Gesellschaften nicht in ihrer Gewaltbereitschaft untergehen, fand die Dichterin in den Schriften des Stanford-Kulturanthropologen René Girard ("Das Heilige und die Gewalt").

Vor sechs Jahren animierte Nikolaus Habjan das erste Mal Elfriede Jelinek als Klappmaulpuppe auf der Bühne - in ihrer Umkehrung des Orpheus-Mythos "Schatten (Eurydike sagt)" im Akademietheater. In St. Pölten führt nun der zwischen München, Wien und Zürich herumgereichte Grazer selber Regie. Drei halblebensgroße Abbilder der Nobelpreisträgerin, in drei Lebensaltern, kuscheln auf einer Polsterbank. Wie Erinnyen, Rachegöttinnen, die Trump an seinem "Königsweg" auflauern. Sein Thronsaal, das Oval Office, kreist auf der Drehbühne. Plötzlich ist die Schreiberin selber aus dem Off am Wort. Sie bekennt in ungekannter Offenheit ihre Ohnmacht als intellektuelle Kassandra: "Wir haben die Menschen als unser Eigentum betrachtet, das uns zuhören musste, jetzt: schmerzvolle Enttäuschung. Keiner hat zugehört. Die ganze lange Zeit: keiner!" Sie spricht vom Sterben und bezichtigt sich, zu viel am "sorgsam gepflegten Wort" herumgebastelt und herumgealbert zu haben, "bis es jetzt keiner mehr wollte. Unsere Epoche endet jetzt. Ihre beginnt."

Habjans Puppen lassen den auf sechs Sprecher aufgeteilten Zwei-Stunden-Monolog nicht in Trübsinn versinken. Trump mit Kinderpopogesicht und Perücke, Jelinek tief gefurcht mit rotem Haar. Wer ist Krokodil, wer Kasperl? Alte Bekannte aus der Muppet Show beuteln Trump, wo sie ihn kriegen: Frosch Kermit, Fozzie Bär, Gonzo und die Zurufer aus der Loge Waldorf und Statler. Einer Puppe Jelinek werden, wie dem Seher Teiresias, die Augen ausgestochen. Die schweinsköpfige Miss Piggy erscheint als First Lady. Der Puppenspaß pustet Ahnungen von Faschismus und Apokalypse hinweg.

Stark in jedem Moment die Spezialistin Manuela Linshalm mit ihrer "Jelinek" am Arm. Verblüffend die virtuosen Animationen durch die Neulinge in der Hand-und-Stimme-Kunst Hanna Binder, Tim Breyvogel, Bettina Kerl, Tilman Rose und Sabrina Ceesay. Als Chor in schwarzen und roten Overalls - Musik: Kyrre Kvam - und in Ku-Klux-Klan-Verhüllung fallen sie auf Stadttheater-Niveau zurück.

Viel Applaus vom Publikum, das so klug nach Hause geht, wie es kam.