Kurt Fraser braucht ein paar Anläufe. Bis er in der Lage ist, in die Kamera zu erzählen, was passiert ist. Dass er einer Menge Menschen live beim Sterben zugeschaut hat. Und auch seinem Sohn Fred. Fraser leitete nämlich die TV-Übertragung jenes Opernballs, bei dem ein Giftgasanschlag alle Gäste, unter anderem die gesamte österreichische Bundesregierung, hinweggerafft hat.

Eine rechtsextreme Gruppierung ist dafür verantwortlich in Josef Haslingers Roman "Opernball", der am Sonntag in einer Bühnenfassung von Alexander Charim und Heike Müller-Merten im Volx Margareten Premiere feierte. Eine Deponie von verschiedensten Monitoren ist über die Bühne verteilt, auf ihnen wird etwa Frasers (Rainer Galke) Schilderung übertragen. Gleichzeitig wird die Entstehung der Gruppierung um den "Geringsten", den man erst als Hilfsarbeiter Joe kennenlernt, erzählt. Sebastian Klein gelingt es gut, die Entwicklung vom "kleinen" Ausländerhasser zum "geborenen Führer" mit Mission darzustellen. Rückblicke zu Orgien mit Gewehrschuss-Begleitung, einem stöhn-sprechenden Abt, der Herrenmenschen-Gedankengut als Leib Christi verteilt, und ersten Gewaltaktionen gegen Ausländer wechseln sich ab mit der Vater-Sohn-Katastrophe zwischen Fraser und seinem von ihm vernachlässigten, drogensüchtigen Sohn Fred, der schizophren-paranoid von zwei hibbeligen Hoodieträgern gespielt wird. Das engagierte Ensemble ist in mehreren Rollen aktiv, Klein etwa spielt auch den mit der Gruppe kollaborierenden Polizeimajor Leitner - als arthritisches Hitlerimitat mit DDR-Brille.

Hündisch untertan

Thomas Frank beeindruckt als die zwei Pole traumatisierter Polizist und fanatisch-lustvoller Terrorist. Die Sonderlingserotik der Gehässigkeit kann Bernhard Dechant gut rüberbringen, Lukas Watzl die hündische Untertänigkeit und gleichzeitige Negierung von Verantwortung. Stefan Suske ist so bedrohlich als Wehrmachtsmunition-Fetischist wie er jovial ist als zuständiger Oberst für "das Fest der feinen Pinkel".

Am Ensemble liegt es also nicht, dass diese Inszenierung von Alexander Charim, die einen spannenden Inhalt wiederzugeben hätte, der noch dazu ungewollte tragische Aktualität erfahren hat durch den Anschlag in Christchurch, nicht zu packen vermag. Die Idee, die Geschehnisse als (TV-)Dokumentation zu rekapitulieren, wird nur inkonsistent durchgeführt. Vieles, das durch theatralisches Spiel hätte vermittelt werden können, wird nur rezitiert, deklamiert und nacherzählt. Einige wenige gelungene optische Ideen, wie wenn ein abgefallener "Jünger" auf der Drehbühne im Kreis weggestoßen wird, täuschen nicht darüber hinweg, dass Distanz und mitunter auch Monotonie geschaffen wird, die leider keinen nachhaltig wirkenden Theaterabend erzeugen.