Nicht nur Wahlversprechen sind mit Vorsicht zu genießen. Das gilt auch für die Ankündigung aus manchem Kreativteam: "Subtil" sollte sie aussehen, die Geschichte von Tschaikowskis "Jungfrau von Orléans" im Theater an der Wien. Am Samstag erblickte man jedoch anderes: Da hob sich der Vorhang, es setzte ein betagter Herr zum Intimverkehr an, es hinderte ihn das Eintreffen der Tochter daran, und es begann ein Geschubse zwischen den Generationen. Grund dafür war aber nicht der vermieste Akt: Das Zornbinkerl mit den feministischen Kinderzimmer-Postern (und den unliebsamen Frauenbesuchen im Haus) will offenbar zum Militär, der Camouflage-Ranzen steht schon bereit. Der Vater aber erweist sich als Bremsklotz.

Unausgegorene Fantasien

Nun wäre so ein Hau-den-Papa-Gehampel dem Publikum zumutbar, fände es beim Theater der Jugend im Rahmen eines Emanzipationsdramas ab zwölf Jahren statt. Hier aber ist es verfehlt. Regisseurin Lotte de Beer bringt nicht so sehr Tschaikowskis Opernrarität auf die Bühne als halbgare Backfisch-Fantasie: Ihr feministischer Trotzkopf, anfangs am Auszug gehindert, träumt sich allmählich in die Rolle der Jungfrau von Orléans hinein. Eine falsche Identifikationsfigur: Jeanne d’Arc ritterte, trotz aller Selbstermächtigung, ja nicht für die Frauenbewegung, sondern für Gott und Vaterland, also für die bestehende Ordnung. Die Gleichsetzung der Teenie-Rebellin mit der Gotteskriegerin spießt sich dann auch an allen Ecken und Enden. Am schlimmsten, wenn Johanna von Visionen heimgesucht wird. Der Absender ist hier kein martialischer Gott, sondern ein feministisches All-Star-Team: Suffragetten mit Prostesttaferl, Madonna mit Bustier, Hannah Arendt mit Glimmstängel sind Teil dieser wilden Mischung. Hätte nur noch eine BH-Verbrennung gefehlt.

Immerhin: Nach der Pause ein Moment der Intensität, wenn die Ausstattung (Clement & Sanôu) Johannas Ekel über ihren ersten Liebesakt spüren lässt. Die bisher Unbefleckte schmachtet dann auf blutigen Stoffbahnen. Wenig später ist der Abend aber schon wieder in den Niederungen der Lächerlichkeit angekommen, lässt Langschwertträger in einem Kinderzimmer rangeln wie in dem Fantasyfilm "Time Bandits" (1981).

Tschaikowski, nur teil-genial

Die Musik entschädigt dafür nur bedingt. Seltsam, aber Piotr Iljitsch Tschaikowski, Meister der schwelgerischen Melodie, hatte offenbar auch seine ohrwurmarmen Tage - und bei der Arbeit an der "Jungfrau" (1881) gehäuft. Wer weiß: Vielleicht klingt seine eigene Note aber auch darum so selten an, weil er hier um eine andere bemüht war: Die "Jungfrau", selbst getextet nach der Tragödie von Friedrich Schiller, sollte den Vorgaben der französischen Grand opéra entsprechen. Tschaikowski, so scheint’s, hat dies übererfüllt: Nur selten durchbrechen originelle Wendungen und Steigerungen den Eindruck des Formelhaften.

Dirigentin Oksana Lyniv müht sich dennoch nach Kräften, dieser Musik eine Advokatin zu sein: Sie hält die Wiener Symphoniker und den Schönberg-Chor zu einem schlanken Klang an, stuft die Artikulation wendig ab und lässt so zumindest ein wenig jene Seelenregungen spüren, die eine grelle, oft fratzenhafte Regie verdeckt. Bescheiden leider auch das Sängerniveau: Ohne Fehl und Tadel glänzt hier nur die virile Stimme von Daniel Schmutzhard (Dunois), Dmitry Golovnin verleiht dem König Karl VII. immerhin eine gewisse Durchschlagskraft und Lena Belkina der Johanna dramatische Inbrunst. Am Ende des Abends pauschaler Applaus, doch nur wenig Aussichten auf eine Renaissance dieses Werks.