Problempointen ohne Ende: Alf Poier ist mit neuem Programm auf Tour. - © Reinhard Mayr
Problempointen ohne Ende: Alf Poier ist mit neuem Programm auf Tour. - © Reinhard Mayr

Müsste Michel Houellebecq einen österreichischen Kabarettisten treffen, er würde sich für Alf Poier entscheiden. Sicher - da gäbe es eine Kommunikationsbarriere namens Steirergebell. Mit einem Dolmetscher zur Seite würde sich zwischen dem Reibbaum der französischen Literatur und dem hiesigen Dada-Humoristen aber wohl Harmonie einstellen - denn Poiers Giftspitzen attackieren dieselben Ziele wie Houellebecqs Romane. Es sind dies: eine verschnöselte Kunstwelt, eine bauernfeindliche EU, der Werteverfall des Westens und ein linkes Geheuchel.

Letzteres darf als Poiers Leibgegner gelten. Schon die Art, wie er es auf die Bühne des Wiener Orpheums holt, zeugt von Häme. Neben dem Steirer tut ein Automat Dienst, zeigt Verstöße gegen die Political Correctness jaulend an. Die Sirene müsste eigentlich schon beim Namen des neuen Programms anspringen: "Humor im Hemd" heißt es, kokettiert deutlich mit dem Unwort "Mohr". Das Gerät aber hat ohnedies genug Mühe, mit den Ein- und Ausfällen des steirischen Wutdampfplauderers mitzuhalten: Mit 52 will er es erklärtermaßen "noch einmal wissen". Den ersten Alarm verursacht er, scheinbar arglos, mit dem Operettentitel "Der Zigeunerbaron", dann arbeitet er sich zu gröberen Geschützen vor.

In Humorgeiselhaft

Eine Schock-Therapie gegen den politischen Mainstream? Ja, doch hier und da schieben sich Scherze dazwischen, die auch herkömmlichen Comedians über die Lippen kommen könnten. Etwa über die Nebeneffekte einer Automatenwelt, in der McDonald’s-Kunden auf einen Bestellschirm tapsen und, Mahlzeit!, mit derselben Hand ihre Burger verzehren. Auch ein paar Kalauer-Bilder hat Poier wieder gemalt. Eins zeigt einen Lamborghini, ein weiteres einen, Achtung, klingt nur gleich!, Lamm-Burkini. Das Publikum lacht darüber am meisten - wohl auch aus Erleichterung, für einen Moment nicht auf moralischem Glatteis zu stehen. Doch gleich nimmt die nächste Problempointe den Saal in Geiselhaft, zwingt zum Hinterfragen: Darf ich lachen, darf ich nicht? Darin liegen Gewicht und Verdienst dieses Abends. Da will Poier etwa "rückwärts über die Balkanroute" fliehen, weil ihn alles hier so krank macht. Auch bastlerisch war er wieder tätig, holt einen Kreis aus seiner Kramuri-Kiste. Obenauf sitzt ein Maxerl, vom Zeremonienmeister zart nach rechts gerückt. Frage: "Ist der jetzt rechts?" Betretenes Schweigen. "Natürlich!", schreit Poier, die Verteufelung des Wortes wühlt ihn auf. Wenn "links" statthaft ist, müsste es doch auch "rechts" sein - einmal abgesehen von Extrempositionen. Eine banale Erkenntnis, doch vergessen in Zeiten der "unsozialen Medien", der "Moralfaschisten und Denunzianten". Poier schreit diese Worte, sein Apparat heult nur mehr. War früher alles besser? Sein Schnellsprechgebell legt es nahe. Das Selfie sei das Familienfoto von heute, die Religion zertrümmert, der Hausverstand zuschanden, es bleiben Konsum und Ich-AG. Poier hat das passende Liedchen dazu, setzt sich einen Reisbauernhut auf, wickelt einen Gitarrengurt umständlich darüber, singt mit der Energie eines Springteufels: "Japanische Mädchen sind super / ihre Herzen sind hart wie Stein!" Ein absurder Kabarettist ist alterswild geworden. Stimmt zwar: Manche Ansage ist eine Absage an jedes Taktgefühl, manche Pointe grässlich grob. Dennoch: Wer Kabarett jenseits der üblichen Kickl-Scherze und Frauen-Parkkunst-Plattitüden hören will, dem sei dieser Irrwitz ans Herz gelegt.