Stell dir vor, die Welt geht unter, was regt sich dann noch auf dem Planeten? Im Hörspiel "In Ewigkeit Ameisen" spitzt der deutsche Dramatiker Wolfram Lotz den atomaren Weltuntergang auf satirische Weise zu und sein Text "Das Ende von Ifflingen" liefert gleich die postapokalyptische Fortsetzung: das Jüngste Gericht als absurdes Kammerspiel.

Jan Bosse verzwirbelt nun beide Hörspiele zu einem Theaterabend. "In Ewigkeit Ameisen" wird am Freitag, 22. März, im Akademietheater uraufgeführt. Die "Wiener Zeitung" traf den Regisseur bei den Endproben.

"Wiener Zeitung":Sind Hörspiele die neuen Schauspiele?

Regisseur Jan Bosse. - © R. Werner
Regisseur Jan Bosse. - © R. Werner

Jan Bosse: Das würde ich so nicht sagen, wir machen schon Theater daraus. Interessant am Hörspiel ist, dass es der Vorstellungskraft des Zuhörers viel Raum lässt. Alles, was nicht im Dialog verhandelt wird, übernehmen Geräusche oder Musik, dennoch entsteht eine Lücke, die der Zuhörer zu füllen hat. Davon kann das Theater lernen.

Wie meinen Sie das?

Auch auf der Bühne muss nicht alles auserzählt und bis ins Letzte bebildert werden. Vielmehr geht es darum, die Fantasie des Zuschauers zu triggern. Die Dialoge sind bei Wolfram Lotz unfassbar präzise formuliert, jedes Stottern und Stocken der Figuren, jedes mh und äh, jede Pause ist genau gesetzt. Hält man sich an die Vorlage, blüht sie regelrecht auf.

"In Ewigkeit Ameisen" verhandelt die neurotische Suche eines Ameisenforschers nach einer blauen Ameise. Von der Entdeckung dieser fiktiven Ameisenart erhofft sich der Wissenschafter Unsterblichkeit. Wofür steht die Ameise in dieser Geschichte menschlicher Hybris?

Viele Insektenarten sind bis ins Letzte erforscht, nicht so die Ameisen. Die umgibt noch immer ein gewisses Geheimnis. Sie verfügen über irgendein kollektives Bewusstsein, dass der Menschen mit seinen Apparaten noch nicht zu dechiffrieren vermochte. Tatsächlich gehören Ameisen neben Kakerlaken und anderen Insekten zu denjenigen Lebewesen, die bei einer atomaren Vernichtung oder einer anderen Katastrophe die Menschheit mit großer Wahrscheinlichkeit überleben werden. Dieser Vorstellung wohnt etwas Unheimliches inne, zugleich ist es auch unglaublich faszinierend.

Ist die blaue Ameise eine ironische Anspielung an die blaue Blume der Romantik?

Die Farbe Blau ist nicht zufällig gewählt, natürlich wird die deutsche Romantik mit ihrer Naturverliebtheit und der spätere Missbrauch durch die Nazis damit thematisiert. Lotz spielt in seinen Texten ständig mit Motiven und historischen Anspielungen. Allein die Namen! Der Professor heißt Schneling-Göbelitz, da denke ich automatisch an den Boxer Max Schmeling, eine Berühmtheit in den 1930er Jahren, und an den NS-Propagandaleiter Joseph Goebbels. Der Assistent des Professors heißt Müller - der deutsche Allerweltsname schlechthin.

"In Ewigkeit Ameisen" endet mit dem Weltuntergang, das zweite Hörspiel, "Das Ende von Ifflingen", setzt passgenau mit dem Jüngsten Gericht ein. Die Extremsituationen werden bei Lotz mit erstaunlich viel Humor vorgetragen. Was interessiert Sie an diesem Umgang?

Der Weltuntergang ist im Film und in der Literatur ein geläufiger Topos, meist als Actionfilm oder schreckliche Tragödie, aber eine Komödie wie bei Lotz ist doch selten. Das Jüngste Gericht, gibt es überhaupt ein Theaterstück darüber? Noch dazu eines, das so humorvoll ist? Die satirische Zuspitzung, die Lotz mit diesen an sich bleischweren Themen betreibt, interessiert mich ungemein. In beiden Texten stellt der Autor auf ziemlich originelle Weise große Behauptungen auf, um Menschen in Extremsituationen zu versetzen. Eigentlich verhandeln die Stücke den Umgang der Menschen miteinander.

Wie meinen Sie das?

In beiden Texten treffen jeweils zwei Männer aufeinander - der Chef und sein Angestellter. Diese klassische Machtstruktur haben wir durchbrochen, indem unser Ensemble, zwei Frauen und zwei Männer, laufend die Rollen wechselt. Durch das Spiel mit den Figuren und Geschlechtern entstehen andere Konstellationen und neue Perspektiven auf das altbekannte Herr-Knecht-Verhältnis.

Entdecken Sie in den Stücken Parallelen zum absurden Drama?

Die Paar-Konstellationen erinnern natürlich an Samuel Beckett. Zugegebenermaßen eine sehr hohe Messlatte. Die Sprache von Lotz hat einen moderneren Sound, aber ähnlich wie bei Beckett, darf man auch hier die Komik nicht ausspielen, nicht auf die Pointen setzen, sonst wird es harmlos. Wir ziehen das Endzeitdrama also mit aller gebotenen Ernsthaftigkeit durch. Die Realität verwandelt sich doch am wirksamsten in ein absurdes Spiel, wenn man sie todernst nimmt.