"Wer allzu viel umarmt, der hält nichts fest", sagt die Marschallin im "Rosenkavalier". Die Grande Dame im Handlungszentrum zieht daraus auch die Konsequenz, akzeptiert letztlich das Unvermeidliche. Die Liebe ihres Herzbuben Octavian zur jungen Sophie? Auch. Im Grunde aber: den Fluss der Zeit.

Es ist die Ironie des "Rosenkavalier", dass zwischen dieser Botschaft und der Bühne eine gewaltige Schere klafft. Angesiedelt in einem Fantasie-Rokoko-Wien, geschmückt mit Rüschen und rosenzarten Walzern, befeuert die Oper von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal seit 1911 eine nostalgische Sehnsucht: Möge das Morgen so aussehen wie das Gestern, und zwar perückenhaargleich. Ein Wunsch, der zumindest an der Wiener Staatsoper gefruchtet hat: Seit 1968 steckt der Abend in derselben, liebenswert üppigen Regie Otto Schenks; selbst davor scheint, Fotos nach zu urteilen, unter denselben Toupets geschwitzt worden zu sein.

All das macht begreiflich, warum das Haus seinen 1000. "Rosenkavalier" so emsig feiert: Direktor Dominique Meyer hat nicht nur einen Bildband drucken lassen; er begann den Donnerstagabend mit einer Festrede und ließ, ein kecker Einfall!, Überraschungsgast Peter Matić aus Verrissen der Wiener Erstaufführung rezitieren. Langweilig und vulgär, unkten damals Kritiker - und wohl bald fort vom Spielplan. Nicht nur das fand hier Widerlegung: Stephanie Houtzeel ließ die Inbrunst des Octavian klanglich, doch auch gestengenau erglühen, Adrianne Pieczonka verlieh der Marschallin bei aller Noblesse ein vulkanisches Temperament, und Peter Rose veredelte die Grobheiten des Ochs mit einer Schicht Klangkultur, während Chen Reiss eine solide Sophie sang. Ein Hoch auf Dirigent Adam Fischer: Rasant, doch süffig im rechten Moment, lieferte er mit den Walzerweltmeistern im Orchestergraben ein hinreißendes Plädoyer für diese Opernmelange aus Zuckerguss und Charaktertiefe. Auf die nächsten Tausend!