"Das ist der Psycho aus dem ,Tatort‘" titelte das Magazin "TV Spielfilm" im Jahr 2016. Da hatte Jens Harzer einen beklemmenden Serienmörder, der seinen Opfern in der Badewanne die Pulsadern aufschneidet, gespielt. Gut, zugegeben in einem der künstlerisch anspruchsvollen "Tatorte" mit dem von Ulrich Tukur verkörperten Inspektor Murot. Aber doch zeigt diese Schlagzeile aus der "Unterhaltungsecke" die fast unheimliche Wandelbarkeit dieses für seine Poesie und seinen sanften Sprachsinn gefeierten Theaterschauspielers. Und die ist auch Bruno Ganz nicht entgangen. Mit den knappen Worten "Es ist der Schauspieler Jens Harzer, den ich hiemit zu meinem Nachfolger als Träger des Iffland Ringes bestimme" hat er seinen Kollegen zum derzeit "bedeutendsten und würdigsten Bühnenkünstler des deutschsprachigen Theaters", wie es die Auszeichnung erfordert, geadelt. Am Mittwoch hatte der in Wiesbaden geborene Harzer, den nicht wenige Insider auf der Iffland-Favoritenliste hatten, übrigens noch bei der Trauerfeier für Ganz gesprochen.

In Österreich ist Jens Harzer vor allem dem Publikum der Salzburger Festspiele ein Begriff. 2001 bis 2004 spielte er im traditionellen "Spiel vom Sterben des reichen Mannes" einen nackten, kalten, graugeschuppten Tod in der Regie von Christian Stückl neben Peter Simonischek als Jedermann. Manch Kritiker meinte da schon, Harzer habe Simonischek die Schau gestohlen. 2008 spielte er in Andrea Breths Bühnenversion von Dostojewskis "Verbrechen und Strafe", 2011 kehrte er in Dimiter Gottscheffs Uraufführung von Peter Handkes "Immer Noch Sturm" zurück. 2016 sah man ihn in Deborah Warners Version von Shakespeares "Der Sturm" als Caliban. Im vergangenen Sommer war er Achill an der Seite von Sandra Hüller im Beziehungs-Schattenboxen in Kleists "Penthesilea".

Slapstick und Luxus-TV

Ein kalter Tod im "Jedermann" 2001. - © apa/Barbara Gindl
Ein kalter Tod im "Jedermann" 2001. - © apa/Barbara Gindl

Eine starke Körperlichkeit ist Harzers Spiel ohnehin eigen, vom Witz schafft er es in einem Wimpernschlag zum Wahnsinn, vom Kalauer zur Krise. Das bewies er auch 2012 im Akademietheater: Ebenfalls als Duett, damals mit Dörte Lyssewski, ackerte er sich in vielen Kostümen, so mancher Grobheit und reichlich Slapstick durch Peter Handkes "Die schönen Tage von Aranjuez", inszeniert von Luc Bondy. In der Verfilmung des Stücks von Wim Wenders spielte Harzer wieder mit - diesmal als Schriftsteller mit gewitztem Understatement, der die beiden Hauptfiguren belauscht.

Im Kino war der 47-Jährige außerdem etwa in Hans-Christian Schmids "Requiem" zu sehen, das den Exorzismus einer jungen Frau in den 70ern erzählte. TV-Zuseher haben ihn nicht nur im "Tatort" gesehen, sondern zuletzt auch in der Luxus-Serie "Babylon Berlin", wo er schmierig und skrupellos einen Hypnose-Therapeuten mit Verbindungen zum organisierten Verbrechen gab.

Schauspieler des Jahres

Harzers Bühnenheimat waren erst für lange Jahre die Münchner Kammerspiele unter Dieter Dorn. Ihm folgte er ans Bayerische Staatsschauspiel, wo er zweimal vom Fachblatt "Theater heute" zum Schauspieler des Jahres gekürt wurde (für "Onkel Wanja" 2008 und für "Don Carlos" 2011). Seit 2009 ist er Ensemblemitglied am Thalia Theater in Hamburg. Zurzeit steht er dort in "Fountainhead" (nächste Vorstellung am
27. April), "Penthesilea" (30. und 31. März), "Cyrano de Bergerac", "Iran Konferenz" und "Srebrenica - I counted my remaining life in seconds" auf der Bühne. Am 11. Mai hat er in Leander Haußmanns Regie Premiere als "Amphitryon".

Harzer meldete sich in aller Bescheidenheit zu Wort: "Ich nehme diese Geste des Weiterreichens voller Dank entgegen. Aber ich kann heute nichts anderes tun, und möchte nichts anderes tun, als an Bruno Ganz denkend, auf die Bühne gehen und Theater spielen", so der Schauspieler in einer Aussendung.