- © Michael Poehn
© Michael Poehn

"Wiener Zeitung":Eigentlich hätte die Staatsoper in diesen Tagen ein Stück von Krzysztof Penderecki uraufführen wollen. Der Pole legte aber den Auftrag nieder. Sind Sie überrascht, dass stattdessen Ihr Stück von 2011 zum Zug kommt?

Manfred Trojahn:Ja. Mein "Orest" läuft jetzt zum zweiten Mal in dieser Stadt; die Neue Oper Wien hat ihn hier schon gezeigt. Aber es freut mich, Wien ist ja eine Traumstadt.

Ist das wirklich so?

Manfred Trojahn, 69, zählt zu den zentralen Tonsetzern Deutschlands. Sein umfangreiches Werk beinhaltet fünf Opern, seine Klangsprache ist avanciert, doch zugänglich. "Orest" (Dauer: 80 Minuten) hat am Sonntag in der Regie von Marco Arturo Marelli Premiere, Dirigent ist Michael Boder. - © Bärenreiter-Verlag, Kassel
Manfred Trojahn, 69, zählt zu den zentralen Tonsetzern Deutschlands. Sein umfangreiches Werk beinhaltet fünf Opern, seine Klangsprache ist avanciert, doch zugänglich. "Orest" (Dauer: 80 Minuten) hat am Sonntag in der Regie von Marco Arturo Marelli Premiere, Dirigent ist Michael Boder. - © Bärenreiter-Verlag, Kassel

Ja. Es gibt hier eine musikinteressierte Schicht, und sie ist wesentlich umfangreicher als in allen anderen Städten, abgesehen von München. Offenbar hat man hier noch ein Bildungsbürgertum, das die entsprechenden Mittel und Einstellungen mitbringt. Anderswo ist es stark weggebrochen.

Ihr "Orest" setzt dort an, wo Richard Strauss’ "Elektra" aufhört: nach dem Mord des Orest an seiner Mutter Klytämnestra. Hat Sie der Vorgänger Strauss beim Schreiben belastet?

Unbelastet war es nicht. Michael Klügl, Intendant der Oper Hannover, hat mir vorgeschlagen, Euripides’ "Orest" zu vertonen. Ich dachte erst, das geht gar nicht. Dann kam ich aber zu der Erkenntnis, dass dies politisches Theater ist. Es geht um Schuld, ein immer wieder brandaktuelles Thema. Ich habe versucht, dem Stück eine Formung zu geben, die mit Euripides nichts mehr zu tun hat und hochemotionales Theater sein will, darin ähnelt es "Elektra" von Strauss und Hugo von Hofmannsthal. Meine Oper kreist um die Frage: Wie umgehen mit Schuld?

Und wie?

Man wird sie nicht los, sie verschwindet ja nicht plötzlich. Man muss ihr gegenüber Handlungen setzen, und Orest tut es am Ende. Er verlässt beide Einflussfelder, in denen er lebt: die der Götter und der Gesellschaft. Er geht, auch wenn er nicht weiß, wohin.

Ein klarer Schnitt?

Ja. Wobei: Am Ende hört er immer noch die Rachegöttinnen in seinem Kopf, die dort schon am Anfang rufen. Das bedeutet: Er wird mit dem Wissen weiterleben müssen, dass er getötet hat. Aber er hat einen Weg beschritten, um damit nicht weiterzumachen.

Warum nennen Sie das Thema Schuld politisch und aktuell?

Ich bin in der Nachkriegszeit aufgewachsen, meine Generation setzte sich permanent mit der NS-Zeit auseinander. Rund um 2011, als mein "Orest" uraufgeführt wurde, ist das Thema noch einmal hochgekocht worden. Außerdem: Das Thema Rechtspopulismus und Rechtsextremismus ist heute wieder virulent. In den 70er Jahren hätten wir uns nicht gedacht, dass so etwas noch einmal passieren könnte - und schon gar nicht, dass der beste Nährboden für rechtsextreme Gedanken dort sein würde, wo die Linken eine Gesellschaft gebastelt haben: in Ostdeutschland. Wir jungen Linken waren damals so weit, die DDR für die bessere deutsche Gesellschaft zu halten.