Trotz Spitzelwesens und der fehlenden Konsumgüter?

Wir hielten das für die bessere Gesellschaftsform. Das Spitzelwesen haben wir natürlich nicht gekannt und nicht gesehen, dass das wirtschaftlich desaströs war.

Sie sind einer der wenigen Opernschreiber, deren Stücke nach der Uraufführung nicht gleich wieder verschwinden. Warum ist das so?

Ich denke, jeder Komponist wünscht seinem Werk Langlebigkeit, möchte Teil des "Repertoires" werden. Aber das halte ich für utopisch. Es gibt rund zehn Opern, in die jeder Tourist gehen will, vor allem, wenn sie klassisch inszeniert sind. So sind die Leute, man kann’s ihnen nicht übelnehmen.

Laufen Ihre Opern deshalb besser, weil Sie Geschichten erzählen statt zu "dekonstruieren"?

Vermutlich. Viele Komponisten finden, dass die Autonomie der Musik durch eine Oper "verraten" wird. Da ist etwas dran: Musik wird funktional, wenn sie eine Geschichte zu illustrieren beginnt. Das wollen viele nicht und versuchen, Formen zu erfinden, die dies aufheben. Ich bewerte das nicht. Aber ich fürchte, wenn eine Geschichte dekonstruiert wird und die Musik obendrein, ist wohl keiner mehr da, den das interessiert.

Ist die Funktionsdebatte nicht ein Relikt des 19. Jahrhunderts?

Nein, das war wichtig für die Avantgarde nach 1945. Als ich Mitte 20 war, schrieb man keine Opern. Dann hatte Wolfgang Rihm den Sensationserfolg mit seinem "Jakob Lenz". Prompt wurde ihm Verrat an der avantgardistischen Haltung vorgeworfen. Und das bekamen dann auch meine Kollegen und ich zu hören, als wir unbefangen in dem Genre begannen. Das Opernschreiben hat sich dann wieder etabliert. Wobei: Ich habe den leichten Verdacht, dass es einen wirtschaftlichen Grund hat.

Weil man ordentlich Geld verdient?

"Ordentlich Geld"! Damit hat es minimal zu tun. Eher mit den Opernhäusern. Die müssen Uraufführungen spielen, sonst schimpft die Presse. Also suchen sie Komponisten. Das Problem ist nur: Diese Leute sollen dann manchmal für 3500 Euro eine Oper machen. Das ist Selbstausbeutung, und vielen fehlt die Kompetenz. Aber das ist den Häusern egal. Denen geht es nicht darum, dass diese Premiere Erfolg hat, sondern nur um das Faktum Uraufführung.

Also ein Feigenblatt?

Ja, ein schlimmes.

Was ist für Sie im historischen Vergleich das angenehmere Arbeitsumfeld: Die Zeit der Avantgarde, als es wegen jeder Lappalie zu einem ästhetischen Prinzipienstreit kommen konnte, oder die eher unaufgeregte Gegenwart?

Die Grabenkämpfe gibt’s nicht mehr, stimmt. Aber ganz unaufgeregt ist der Bereich auch heute nicht. Er findet einfach viel weniger Beachtung. Insofern konnte man damals, als diese Wahrnehmung noch bestand, beruhigter arbeiten. Man hatte den Eindruck, dass das, was man tat, eine gesellschaftliche Notwendigkeit besaß. Für diesen Glauben muss man heute schon ein gewisses Selbstbewusstsein besitzen. Aber daran mangelt es uns Künstlern glücklicherweise dann doch nicht.