- © Bernd Uhlig
© Bernd Uhlig

Traurige Gestalten, die einsam durch trostlose Bühnenlandschaften schlurfen, mit hängenden Schultern wortlos aneinander vorbeigehen. Figuren in grenzenloser Isolation, vereint in monumentaler Untergangslust: Davon erzählen das Anfangs- und Schlussbild von Andrea Breths Inszenierung "Die Ratten" am Wiener Burgtheater. Dazwischen liegen zweieinhalb Stunden voll funkelnder Schauspielkunst - und schleppender Stadttheaterroutine.

Gerhart Hauptmanns Gesellschaftspanorama "Die Ratten" (1910), die Geschichte einer sogenannten Kindesunterschiebung, ist Breths vorerst letzte Inszenierung am Burgtheater. Die 66-Jährige wirkt im deutschsprachigen Gegenwartstheater seit je wie der Fels in der Brandung - unbeeindruckt von Theatermoden und postdramatischen Erzählformen, arbeitet sie sich in aller gebotenen Ernsthaftigkeit an ihrem höchst persönlichen Theaterkanon ab, der von Klassikern bis zum angloamerikanischen Gegenwartsdrama reicht. In den vergangenen 20 Jahren waren Breths textgenaue Arbeiten regelmäßig am Burg- und Akademietheater zu sehen, etwa die zum Berliner Theatertreffen geladenen Aufführungen "Emilia Galotti" und "Don Carlos" oder jüngst "Diese Geschichte von Ihnen".

Szenische Miniaturen

Breths Abschiedsinszenierung ist, wie immer, mit hohen Erwartungen verknüpft, zumal sie das Stück bis in die Nebenrollen erlesen besetzt hat: Selbst Nicholas Ofczarek ist nur ein kurzer Auftritt vergönnt; Roland Koch glänzt in einer Fünf-Minuten-Partie und Andrea Eckert irrlichtert als gefallene Morphinistin einen Moment lang durch die Szenerie; in den Hauptrollen verpflichtete die Regisseurin Johanna Wokalek und Sven-Eric Bechtolf.

Die Rolle des Theaterdirektors ist wie geschaffen für Bechtolf, der die zwielichtige Figur mit seinem enormen Theatertemperament ausfüllt. In einer herrlich komödiantischen Szene führt Bechtolf ein Streitgespräch mit dem jungen Burg-Schauspieler Christoph Luser, der den Theaterrebell Spitta verkörpert, das energetische Aufeinanderprallen der Gegensätze. Offene Hemdsärmel versus verstaubter Frack, Naturalismus kontra abgedroschenes Pathos - einer der Höhepunkte des Abends. Überhaupt ist die Aufführung voll von gelungener szenischen Miniaturen, fein gearbeiteter Schauspieler-Begegnungen.

Dennoch vermag das Ganze nicht restlos zu überzeugen. Irgendetwas knirscht. Das mag zum Teil auch am Stück liegen. Im Grunde besteht es aus zwei Handlungssträngen und gleich zwei theatralen Gattungen, die nur lose miteinander verwoben sind.

In kleinbürgerlich-proletarischem Milieu spielt sich die Tragödie der kinderlosen Frau John (souverän: Johanna Wokalek) ab, welche die ledige und sitzengelassene Dienstmagd (Sarah Viktoria Frick) dazu überredet, ihr das Neugeborene zu überlassen. Im bildungsbürgerlichen Haushalt des ehemaligen Theaterdirektors Harro Hassenreuter (Bechtolf) wiederum ereignet sich ein Lustspiel um Aufstieg und Fall eines skrupellosen Theatermachers.

Verrottet und verroht

Diese beiden Teile werden einzig von Hauptmanns Gesellschaftsdiagnose zusammengehalten -nämlich Ober- wie Unterschicht als gleichermaßen verrottet darzustellen. Hauptmanns Figuren sind dabei etwas holzschnittartig geraten, Breth nähert sich ihnen in bester Absicht, was leider nicht verfängt. Die Vorlage ist über weite Strecken in Berliner-Dialektkunstsprache verfasst. ("Ick spring’ im Landwehrkanal und versaufe." - "Det macht Skandal, kost Jeld und bringt nischt.") Breth bügelt in ihrer Fassung den Dialekt glatt und nimmt den Figuren viel von ihrer Eigenwilligkeit. Hauptmanns Dramaturgie ist ziemlich konstruiert, Breth lässt die mitunter haarsträubenden Handlungsverläufe geradezu elegisch darstellen - und schrammt damit einigermaßen an heutigen Sehgewohnheiten vorbei. Vor allem die Auflösung des Mords an der Kindsmutter wird zerdehnt, wirkt antiquiert.

"Motten und Staub! Staub und Motten! Das ist alles, was ich von meiner Kulturarbeit geerntet habe", beklagt Direktor Hassenreuter im Stück. Regisseurin Breth ergeht es da viel besser. Am Premierenabend verabschiedete sie sich persönlich beim Wiener Publikum - und wurde mit frenetischem Applaus bedankt. Adieu!