Die Tochter will nicht nach "Scheißkentucky". Wer kann es ihr verübeln. In der ersten Szene von Tracy Letts Stück "Mary Page Marlowe" muss die titelgebende Frau ihren Kindern beibringen, dass nicht nur die Ehe der Eltern, sondern auch das Familienleben zu Ende ist. Die Tochter ist kratzbürstig, am jüngeren Sohn lebt Mary Page ihre Scheidungs-Schuldgefühle aus, wenn sie ihm die Stifte, die er mutwillig auf den Boden wirft, immer wieder aufhebt. Letts holt das Publikum gleich zu Beginn mitten hinein in das verhunzte Leben seiner Titelfigur. In der Regie von Alexandra Liedtke hatte das Stück am Donnerstag Premiere in den Wiener Kammerspielen.

Auf der rechten Bühnenseite steht eine Art alte Kinoprogrammtafel, auf der einige Buchstaben des Namens Mary Page Marlowe verloren gegangen sind. Das soll wohl deutlich machen, dass die unchronologische Erzählung des Lebens dieser Frau mit den Schlaglichtern auf die dramatischen Wendungen etwas sehr Filmisches hat. Das Stück hüpft durch die Jahrzehnte wie ein zeitreisender Laubfrosch. Drei Frauen und ein Mädchen verkörpern Mary Page in verschiedenen Reifegraden. Sandra Cervik ist jene Mary Page in den mittleren Jahren, in denen die meisten Schicksalsschläge lauern. Babett Arens ist jene Mary Page, die schon mit einer gewissen Abgeklärtheit auf ihre drei Ehen und ihre falsch abgebogenen Lebensabzweigungen zurückblickt. Johanna Mahaffy ist jene Mary Page, die kraft ihrer Jugend noch Träume für ihr Leben hat. Und Livia Ernst ist das Mädchen Mary, das auf den Trümmern der Ehe ihrer Eltern steht und noch nicht ahnen kann, dass sich sowohl die Liebeszerrüttung als auch der Alkoholismus ihres Vaters auch bei ihr wiederholen werden.

Die vier sind optisch verbunden durch blaue Kleidung und ein blaues Tuch, das sie sich gegenseitig weiterreichen. Manchmal geht die Überlappung auch weiter, wenn etwa Cervik in einer Szene mit der kindlichen Mary ihrem jungen Ich die Stimme leiht.

Leidensklischees

Über einer aus Halogenröhren gebauten, stilisierten USA-Flagge wird vor jeder Szene das Jahr (von 1946 bis 2015) und Mary Pages Alter eingeblendet. Man sieht sie mit ihren Studienfreundinnen (Swintha Gersthofer und, komödiantischer Lichtblick: Gioia Osthoff), mit ihrem Therapeuten (Raphael von Bargen), mit ihrem Liebhaber (würdig in der gelben Unterhose: Roman Schmelzer). Nur Johanna Mahaffy als junge Mary Page schafft es in ihren wenigen Szenen, emotional zu berühren, Sandra Cervik und Babett Arens gelingt es nicht flächendeckend, Interesse am Schicksal der Frau zu wecken, das leider auch recht vielen Leidensstereotypen entspricht. Am Ende steht Mary in einer Putzerei und erzählt von einem Quilt, den sie besitzt, eine Decke aus zusammengenähten Stoffflecken, eine amerikanische Handarbeitstradition, die Frauengenerationen verbindet. Es ist ein seltsam an das Stück draufgepapptes Symbolbild für die Erfahrungsflicken, aus der sich die Persönlichkeit einer Frau ergeben. Nicht zuletzt dieses bemühte Bild hinterlässt den Geschmack der Belanglosigkeit.