Aus dem Sühnen von Schuld entspringt neue Schuld, die wieder nach Sühne verlangt. Glatt geht die Rechnung der Blutschuld offenbar nie aus. Auf die Tat folgt Rache, folgt ein Urteil, folgt eine neue Tat. Der Grundschritt der Tragödie kennt nur drei Stufen: Tat, Rache, Urteil. Und die wiederholen sich unermüdlich.

So auch in "Orest". Dessen Mutter Klytämnestra hat seinen Vater Agamemnon gemordet. Er mordet daraufhin die Mutter - was ihn an den Rande des Wahnsinns treibt. Doch die Schuld wiegt auch hier schwerer als die Sühne. Schuld trägt auch die aus Troja heimkehrende Helena, deren Schönheit nichts weniger als den Trojanischen Krieg losgetreten hat. Orest tötet, angestachelt durch seine Schwester Elektra, auch sie. Nur der Blick in die unschuldigen Augen von Helenas Tochter Hermione lässt Orest den tödlichen Kreislauf durchbrechen, sich dem starren Korsett der durch die Götter dirigierten Ordnung widersetzen. Gemeinsam verlassen die beiden Geläuterten das Schlachtfeld, emanzipieren sich von den Göttern, werden also Mensch und gehen ins Licht. Dass dort das wahre Drama erst beginnt, können sie nicht wissen.

Musikalisch bietet "Orest", Manfred Trojahns Vertonung des griechischen Stoffes, kompakte 80 Minuten dichte Dramatik. Beginnend mit dem gellenden Schrei der durch Orest getöteten Klytämnestra setzt das Drama gleich auf der höchsten Eskalationsstufe an - und wird diese kaum noch verlassen bis zum Schlussvorhang. Nur selten ebbt der pulsierende Strom aus gleißend flirrenden Streichern, reichlich Schlagwerk, eindringlichem Blech und Holz ab, um als letzte mögliche Steigerung am Höhepunkt dieses dauernden Höhepunktes vorübergehend in dumpfes Wummern und Brummen, in das eindringliche Rauschen des Blutes zu münden. Dieser hämmernde Soundtrack, der auch einem Horrorfilm gut zu Gesicht stünde, ist immer am Anschlag, die Sänger sind bis an die Grenzen ihrer Stimmumfänge und mit großen Intervall-Sprüngen gefordert.

Szenische Klischees

Dirigent Michael Boder führt das Orchester der Wiener Staatsoper bei der Premiere der Neuproduktion am Sonntag mit viel Umsicht durch diesen Klangstrom, gibt den Sängern viel Raum. Dass die andauernde Intensität im Laufe des Abends schnell in Monotonie umschlägt, ist mehr dem Werk als seinen (musikalischen) Interpreten geschuldet. Wobei Regisseur und Bühnenbildner Marco Arturo Marelli nicht viel dazu beiträgt, daran etwas zu ändern. Seine graue Einheitsbühne deutet einen Schneckengang an. Die viele Türen verbergenden Wände sind gezeichnet von Blut- und Kratzspuren des grausamen Schicksals und des Krieges, das matte Grau ist von schwarzen und roten Striemen überzogen. Die Türen ohne Griffe führen alle ins Innere des Dramas. Ausgang scheint es keinen zu geben. Nicht für Orest, den Thomas Johannes Mayer vokal stark als einen fahrig zerbrochenen und dumpf lodernden Vollstrecker fremden Willens anlegt; noch für seine furiose Schwester Elektra, die mit Evelyn Herlitzius die stimmlich stärkste Besetzung dieser Produktion ist.

Die schöne Helena, Laura Aikin gibt sie vokal elegant wie souverän, stöckelt im klischeehaft goldenen Glitzerkleid in den Tod, während sie die welkende Liebe zu sich selbst betrauert. Sie wird schließlich vom göttlichen Fädenzieher Dionysos (Daniel Johansson, ebenfalls in Gold) in den ewigen Himmel entrückt. Für den menschlichen Faktor, für die in die Zukunft weisende Unschuld steht im blauen Kleidchen Audrey Luna (stimmlich wie darstellerisch gut) als Hermione.

Viel mehr als diese behübschenden Klischees sind dem Regisseur nicht eingefallen zu den Figuren. Sie dürfen sich an der Rampe stehend in ihrem eigenen Drama suhlen. Unterbrochen nur durch eine akrobatische Kampfszene. Das schafft in seiner Überzeichnung Distanz und lässt die Tragöden und ihre Tragödie nie greifbar werden.

Der Weg zur Freiheit, zum Mensch-Sein führt durch das Drama, hinterlässt diese Oper (etwas zu) eindringlich als zentrale Botschaft. Dieses Drama ist eine tückische, endlose Spirale. Nicht zuletzt dafür erntete das 2011 uraufgeführte Werk nun an der Staatsoper zustimmenden Applaus.