Am Anfang sieht man Steffi Krautz in Großaufnahme, eine Kamera zoomt ihr Antlitz auf den Bühnenvorhang. Ganz ladylike, mit blonder Marilyn-Monroe-Frisur und weißem Hosenanzug, gewinnt sie haushoch im Casino, doch wird ihr lediglich ein Blechschild mit der Nummer 632 ausgehändigt. Krautz hetzt durch den Backstage-Bereich des Wiener Volkstheaters, die Kamera heftet sich an ihre Fersen, die Szenerie hat etwas Alptraumhaftes, eigentümliche Gestalten kreuzen ihren Weg. Wo bitte geht es hier zu den Elysischen Feldern? Zur Hausnummer 632? Zur Wohnung von Stella Kowalski?

Tennessee Williams Stück "Endstation Sehnsucht", das feinziselierte Untergangsmelodram einer verarmten Südstaaten-Schönheit, beginnt mit Blanche DuBois’ Ankunft in New Orleans. In der Wiener Inszenierung von Pinar Karabulut gehört diese enigmatische Eröffnungssequenz zu den herausragenden Momenten der zweistündigen Aufführung. Blanche DuBois (souverän: Steffi Krautz) sucht Asyl bei ihrer jüngeren Schwester Stella Kowalski (glänzend: Katharina Klar), die in ärmlichen Verhältnissen lebt.

Wilde Mischung

Für den US-Dramatiker war "The Big Easy", wie die pulsierende Stadt bis heute genannt wird, geistige Heimat. In den Regieanweisungen umschreibt er die libertinäre Atmosphäre, die er im Stück erwirken möchte, kryptisch als "Geist des blauen Pianos". In Karabuluts stil- und formbewusster Theaterarbeit wird daraus eine wilde Mischung aus Trash- und Queerästhetik. Hauptlast trägt dabei die Ausstattung: Die Bühne von Aleksandra Pavlovic sieht aus wie das Foyer einer Südstaatenvilla, mit geschwungener Treppe und üppiger Blumenpracht - die Schwestern stammen aus einer einst angesehenen Plantagen-Dynastie. Die Wände sind dermaßen mit Pastellfarben und Stuckatur überzuckert, dass vom ersten Blick an klar ist: Hier ist alles Lug und Trug. Dafür braucht das Stück sonst elf Szenen. Auch die Kostüme von Johanna Stenzel haben hohen Schauwert: Die Männer (am auffallendsten: Jan Thümer als Stanley) sind geschminkt wie für den Life Ball, tragen bunte Perücken, knappest sitzende Hosen und glitzernde Stöckelschuhe, auch Voguing-Auftritte dürfen nicht fehlen.

Pinar Karabulut, 32, kommt aus Deutschland, hat türkischen Migrationshintergrund. Sie gehört zu jener Generation, wie Bérénice Hebenstreit und Anna Bergmann, die das Stadttheater herausfordert - genderbewusst, popkulturell geschult, angepasst an Sehgewohnheiten der Generation YouTube. "Endstation Sehnsucht" wird traditionell als psychologisches Hochamt inszeniert, Pate steht etwa die Verfilmung von Elia Kazan aus 1951 mit Vivien Leigh und Marlon Brando. Karabulut hat anderes im Sinn. Die seelische Verwüstung von Blanche DuBois tritt nicht nach und nach zutage, sondern ist von Anfang an überdeutlich präsent. Keiner Figur wird hier ein Geheimnis gewährt. Das hat Folgen für die Spielweise: Es gibt kaum szenische Interaktion, dafür viel Aktionismus. Nichts dagegen. Dennoch hält die Aufführung nicht ganz ihr Versprechen, für eine radikale Umdeutung hätte man wohl noch weitergehen müssen. Die Aufführung bleibt erstaunlich nah an der Textvorlage, arbeitet szenisch aber permanent dagegen an. Das mag hin und wieder effektvoll sein, verfängt aber nicht ganz. Aus knallhartem Schwarz-Weiß wird hier pastellfarbenes Aquarell.