Wien. (irr) Es ist kein Geheimnis, dass Dominique Meyer gern noch ein paar Jahre länger auf dem Wiener Opernthron gesessen wäre. Wenn der Franzose im Juni 2020 seinen letzten Sangesabend verantwortet, wird er es aber in einem Klima der Gelassenheit tun: Die Wiener Staatsoper zeigt dann Verdis altersweise Komödie "Falstaff", dirigiert von Zubin Mehta. "Ein schönes Abschiedsprogramm", sagt Meyer, "nicht zu schwer, mit Charme". Nachsatz: "Es endet gut."

Finanziell dürfte die Ära Meyer einen formidablen Abschluss finden. Läuft alles nach Plan, hinterlässt der Direktor seinem Nachfolger Bogdan Roščić Reserven von 16 Millionen Euro. Verantwortlich dafür ist nicht zuletzt ein rekordverdächtiges Klingeln in den Kassen. Auch in dieser Spielzeit verzeichnet das Haus eine Steigerung. Die Einnahmen (gezählt bis 2. April) liegen bei 25,9 Millionen Euro und somit um 2,2 höher als im Vergleichzeitraum der Vorsaison. Die Besucherzahlen kletterten von rund 408.000 auf 419.000, die Sitzplatzauslastung von 98,55 auf 99,21: Sollte die 100-Prozent-Marke nicht in einem metaphysischen Akt geknackt werden, sind diese Werte kaum zu überflügeln.

Erleichtert, meint Meyer, hätten ihm seine Arbeit die Sänger. "Ich wurde verwöhnt", sagt er mit Blick darauf, dass sich ein Wagner- oder Strauss-Abend an der Wiener Staatsoper entschieden einfacher besetzen ließe. Am 28. Juni 2020 wird ein Gala-Abend jene Sänger ins Zentrum rücken, die in den zehn Jahren der Direktion Meyer Aufnahme im Ensemble fanden.

"Franzose muss es gutmachen"

Sechs Premieren schmücken die nächste Saison, beginnend mit Musik der Moderne: Ab 2. Oktober schillert Benjamin Brittens "A Midsummer Night’s Dream" in der Regie von Irina Brook am Haus, den Taktstock führt Simone Young. Am 8. Dezember findet die Uraufführung von Olga Neuwirths Stück "Orlando" statt, das auf einem Roman von Virginia Woolf basiert und vom Haus beauftragt wurde. Letzteres gilt auch für "Persinette", eine Kinderoper von Albin Fries: Sie prangt ab 21. Dezember auf der großen Bühne.

Einen "alten Traum" erfüllt sich Meyer mit Beethovens "Leonore". Die Urfassung des späteren "Fidelio" war 1805 im Theater an der Wien durchgefallen. Nach Meyers Dafürhalten lag das aber nicht an eklatanten Schwächen, sondern widrigen Umstände: Napoleons Truppen waren kurz davor in Wien einmarschiert. Meyer: "Die Franzosen waren schuld, ein Franzose muss es wieder gutmachen." Die "Fidelio Urfassung", wie sie am Haus heißt, hat am 1. Februar 2020 Premiere, dirigiert von Tomáš Netopil und inszeniert von Amélie Niermeyer. Überhaupt ist Beethovens Schmerzenskind stark präsent im 250. Geburtsjahr des Tonsetzers: Das Theater an der Wien zeigt wenig später die zweite "Fidelio"-Variante, die Staatsoper zudem die bekannte Letztfassung.

Die weiteren Opernpremieren an der Ringstraße? Sie gelten Mozarts "Così fan tutte" (Dirigent: Riccardo Muti, Regie: Tochter Chiara Muti, 22. Mai) sowie "Un ballo in maschera" (Michele Mariotti, Josef Ernst Köpplinger, ab 15. Juni). Der ebenfalls scheidende Ballettdirektor Manuel Legris setzt drei Novitäten an: Auf George Balanchines "Jewels" (2. November) folgt ein dreiteiliger Abend mit Choreografien von András Lukács, Pontus Lidberg und Nacho Duato (4. März), das glamouröse Schlusslicht bildet abermals eine "Nurejew Gala" (25. Juni).

Ein Highlight glänzt noch in der laufenden Saison: Am 25. Mai begeht das Haus seinen 150. Geburtstag. Am selben Abend dirigiert Christian Thielemann eine Neuinszenierung von Strauss’ "Frau ohne Schatten", tags darauf findet ein Festkonzert bei freiem Eintritt vor dem Gebäude statt. Meyer: "Wir leiden immer darunter, wenn der Ring gesperrt wird, diesmal tun wir es selber."