Es gibt Theaterabende, die haben etwas Zeitloses an sich. Es gibt aber auch Abende, da kann man das nur von einem Teil des Publikums sagen. So etwa am Samstag an der Wiener Volksoper: Einige Premierengäste trafen da dermaßen spät ein, dass sie erst bei einem Szenenapplaus Einlass fanden und sich mühsam zu ihren Plätzen schlängelten.

Viel verpasst hatten sie bis dahin nicht. "Meine Schwester und ich" von Ralph Benatzky, dem Schöpfer des "Weißen Rössls", ist ein Operettenschwank nach dem Gusto der Zwischenkriegszeit. Motor dieser Parade an Schlagern und Tanz-Anlässen ist eine Handlung von begrenzter Glaubwürdigkeit: Eine Prinzessin namens Dolly (!) müht sich, dem Hausbibliothekar die Rutsche zu ihrem Herzen zu legen. Der Mann wird aber von einem Liebestöter namens Rangunterschied abgestoßen. Also denkt sich die Durchlaucht Dolly einen Trick aus, der nur einer Operetten-Strategin einfallen kann: Sie erfindet eine arme Schwester namens Geneviève, die Schuhe verkauft, und schlüpft tatkräftig in diese Rolle. Mit Erfolg: Der kleine Bücherwurm plustert sich in Gegenwart der Schein-Kleinverdienerin zum Pfau auf und heiratet im Handumdrehen.

Nicht nur die 30er Jahre fraßen einen Narren an diesem Klamauk mit Ohrwürmchen wie "Ich lade Sie ein, Fräulein"; er passte auch ins Heileweltkonzept des Nachkriegskinos und wurde entsprechend gern verfilmt.

Irrwitz in der heilen Welt

Als hübsche Harmlosigkeit beginnt dann auch die Inszenierung von Hausherr Robert Meyer. Die Ausstattung (Christof Cremer) wirkt wie eine Postkarte aus einer Vergangenheit, in der Weltkriege undenkbar scheinen. Hier regiert ein Bündnis der ästhetischen Großmächte Jugendstil und Weimarer Schick; sie bieten dem Blick ein Aufgebot an schmalen Schnauzbärtchen, großen Galaroben und Beingymnastik aus dem Charleston-Fach.

Allerdings: So wenig diese Aussichten überraschen, so wenig begeistert sie auch. Zumal die Pointen anfangs nur selten zünden und mancher dramaturgische Hut älter wirkt als die Kopfbedeckung der Hauptdarsteller: Die ungarische Ulkfigur des Grafen Nagyfaludi (gespielt von Carsten Süss: är wird immär wiedär värschmäht von där Prinzässin!) kennt man sattsam aus anderen Operetten.

In der zweiten Hälfte schraubt sich das Humorniveau aber anarchisch hoch, ja sprengt fast den biederen Rahmen. Dolly (graziös in den Gesten, soubrettenschlank im Klang: Lisa Habermann) hat dann nicht nur mit den Handgriffen im Schuhgeschäft ihre liebe Not. Verschärft wird das Ungemach durch das Zutun der Vorgängerin Irma, einem frivolen Irrwisch (Johanna Arrouas). Zudem waltet da ein gewisser Herr Filosel, eine Schießbudenfigur von einem Geschäftsführer. Der leidet an einer Art chronischem Kalauersyndrom ("Das ist Herr Camembert, ein Käse, äh Kunde!") und treibt die Szenen so an den Rand des absurden Theaters. Herbert Steinböck (Zweitbesetzung: Robert Meyer) entstößt sich diese Wuchteln mit einem Schwung, dass einem ganz schwindelig wird vor lauter Nonsens.

Erfreulich auch, dass Benatzky manche ironische Noten in seine Partitur geschleust hat: Da kann ein Terzett mit einer pathetischen Schuhgröße beginnen, die man eher einer Mozart-Oper zuordnen würde. Meyers Regie nützt auch solche Momente für heitere Quirligkeit und gelangt so - nach einem zähen Beginn - doch noch zu einem stimmigen Mix aus Herzigkeit und Humor.

Befördert wird dies von Protagonist Lukas Perman, der eine vitale Wandlung vom verlegenen zum verwegenen Herzbuben durchläuft, sowie vom Haus-Orchester unter der Leitung von Guido Mancusi: Das wickelt die 30er-Jahre-Klänge zwar anfangs etwas zu flaumig ab, nach der Pause aber mit gebührend Schwung. In Summe ein adretter Abend.