Gut gemeinte Gewalt: Valentin Postlmayr überschreitet als Liam Grenzen. - © R. Werner/Burgtheater
Gut gemeinte Gewalt: Valentin Postlmayr überschreitet als Liam Grenzen. - © R. Werner/Burgtheater

Liam steht blutüberströmt in der Wohnung. Er unterbricht einen kindfreien Abend seiner Schwester Helen und deren Ehemann Danny. Was ist passiert? Diese Frage verfolgt das 2009 uraufgeführte Theaterstück "Waisen" des britischen Autors Dennis Kelly. Christina Gegenbauer hat den viel gespielten Text fürs Burgtheater im Vestibül inszeniert. Die Bühne von Frank Albert offeriert eine runde Spielfläche mit minimalistischen Sitzgelegenheiten. Ein bisschen Video, ein bisschen Musik, einmal Stroboskop und fliegende Federn - die Inszenierung vertraut ganz auf Text und Schauspiel.

Die Welt "da draußen" ist gefährlich, darin sind sich Liam, Helen und Danny einig. Sie unterscheiden sich aber in ihrem Umgang mit der gefühlten Gefährdung. Valentin Postlmayr spielt Liam als nervös am T-Shirt nestelnden Typen, der selbst das Aufschlitzen von einem "Ausländer" noch gut gemeint haben will. Seine Schwester Helen, die von Irina Sulaver als phlegmatische Pragmatikerin vorgestellt wird, unterscheidet strikt zwischen Menschen, die ihr nahestehen, und solchen, um die sie sich nicht schert. "Das ist ein Mensch!", ruft Christoph Radakovits als noch universalistisch denkender Danny den beiden verzweifelt zu. Replik um Replik tritt Wahrheit und Gewalt zutage.

Gegenbauer lässt Dialoge schnell und gleichzeitig sprechen, das Geschehen nimmt Fahrt auf. Dann drosselt sie das Tempo und legt den Fokus auf die Positionierung der Körper im Raum. Ein Abend über das Entstehen von Gewalt aus dem Gefühl der Gefährdung.