Der niederländische Theatermacher Johan Simons gehört zu den herausragenden Regisseuren des Gegenwartstheaters. Der 72-Jährige ist stets vorne mit dabei, wenn es darum geht, am Theater neue Wege einzuschlagen. Er war Intendant in München, in der Ruhrtriennale und leitet seit dieser Saison das Schauspielhaus Bochum. Die "Wiener Zeitung" traf den Regisseur bei den Endproben zu Georg Büchners "Woyzeck", das am Mittwoch, 10. April, im Akademietheater Premiere feiert.

"Wiener Zeitung":Sie inszenieren Büchners Dramenfragment "Woyzeck" - es erzählt vom Untergang eines Proletariers, geschunden von der Gesellschaft, verraten von der Geliebten . . .

Johan Simons: Ist das so? Wo steht denn etwas von Betrug?

Es ist wohl nicht ausformuliert, aber ein Liebesverrat wird im Flirt mit dem stattlichen Major angedeutet und auch häufig so inszeniert. Sehen Sie das anders?

Ich finde, es ist vielmehr Ausdruck ihrer Lebenslust, sie erlaubt sich einen Spaß, das macht sie noch nicht zur Betrügerin.

Jedenfalls nimmt Woyzeck es sich sehr zu Herzen.

Ja, weil er von absolut jedem gedemütigt und terrorisiert wird, er wird zum Loser abgestempelt. Dabei verfügt er über eine riesige Fantasie, er ist der größte Fantast von allen, sein Vorstellungsvermögen, seine Poesie ist vielleicht zu groß für diese Welt.

Johan Simons. - © apa/dpa/Seidel
Johan Simons. - © apa/dpa/Seidel

Sie beschäftigen sich bereits zum dritten Mal mit "Woyzeck". Haben Sie etwas Neues erkannt?

Ich habe die Bedeutung der Mutter für Georg Büchners Arbeit entdeckt, vor allem ihre christliche Erziehung. Das übersieht man häufig, wenn man in ihm nur den Revolutionär wahrnimmt, aber er wurde stark von seiner gläubigen Mutter geprägt und verfügte über enorme Bibelkenntnisse. Ich weiß, was das bedeutet, da ich selbst streng protestantisch erzogen wurde. "Woyzeck" ist für mich im Lauf der Zeit zu einer persönlichen Geschichte geworden: Mich erinnert der Protagonist an meinen eigenen Vater. Er war ein Mann, zu dem man oft nicht durchdringen konnte, der ganze Tage schweigsam und mürrisch herumlief. Das machte einen verrückt. Man wusste nicht, was mit ihm los war. Viele Menschen bleiben einem ein Leben lang ein Rätsel, wenn diese Leute dann noch zur Kaste der Verlierer gehören, sind sie rettungslos verloren. Ich denke, dass gerade "Woyzeck" für Büchner eine Herzenssache war. Man spürt darin, wie sehr ihm der Mensch an sich am Herzen lag.

Sie haben sämtliche Stücke von Büchner inszeniert. Was fasziniert Sie so an diesem Autor?