Wien. Zu lange hätte man gewartet, die betreffende Lehrerin zu entlassen, sind sich Staatsopern-Direktor Dominique Meyer und Simona Noja, die Direktorin der Ballettakademie, am Mittwoch bei einer Stellungnahme gegenüber der Presse einig. Laut Informationen der "Wiener Zeitung" wurde besagte Lehrerin schon aufgrund ähnlicher Vorwürfe vor Jahrzehnten von der Mailänder Scala verabschiedet. Auch damals hatte sie Schwierigkeiten, sich an Regeln in Bezug auf Unterrichts- oder Trainingszeiten zu halten, ihre Unterrichtsmethoden wurden immer wieder als veraltet kritisiert.

Gravierende Vorwürfe

Die Vorwürfe, die das Wochenmagazin "Falter" in seiner aktuellen Ausgabe publiziert, sind gravierend: In der Ballettakademie der Wiener Staatsoper sollen die Eleven Demütigungen, Gewalt und Drill bis hin zu einem sexuellen Übergriff ausgesetzt gewesen sein.

Pressekonferenz zu den Vorwürfen gegen Ballettakademie

Es seien drei Hauptpunkte, die es zu unterscheiden gelte, sagt Meyer sichtlich betroffen. Erstens die Lehrerin (der Name ist der Redaktion bekannt), die die Abschlussklasse der Mädchen - sie sind zwischen 17 und 18 Jahre alt - im klassischen Ballett unterrichtet hat. "Es dreht sich in meinem Kopf die Frage, ob ich das nicht früher hätte machen sollen", fragt sich der Staatsopern-Chef in Bezug auf deren Entlassung. Die Beschuldigte wurde bereits unter der Leitung von Jolantha Seyfried aus der Akademie entfernt, aber offenbar später wieder eingestellt. Noja hätte davon nichts gewusst, betont sie bei dem Pressegespräch. Es gäbe aber auch positive Rückmeldungen von Schülerinnen und die Lehrerin verzeichnete gute Ergebnisse. Aufgrund ihrer Trainingsart? "Das sind Sachen, die vor 30 oder 40 Jahren wahrscheinlich Standard waren. In der heutigen Zeit ist das ein No-Go", sagt Meyer. Auf Verwarnungen mit kurzfristigen Verbesserungen in ihrer Verhaltensweise folgte dann die Entlassung. Was die Lehrerin dazu sagt, "ist mir egal, denn sie wirft einen Schleier auf meine Arbeit. Es trifft mich persönlich." Meyer war seit seinem Amtsantritt 2010 - im Gegensatz zu seinem Vorgänger Ioan Holender - ein tatkräftiger Unterstützer des Balletts, der mit Ballettchef Manuel Legris die Kompagnie international aufwerten konnte.

Kein gemeinsames Pastakochen

Der zweite Punkt betrifft den Vorwurf eines ehemaligen Schülers der sexuellen Belästigung durch einen Lehrer vor sechs Jahren. Der Lehrer sei sofort damit konfrontiert worden, hätte den Vorfall verneint und sei daraufhin freigestellt worden. Die Staatsoper habe selbst eine Sachverhaltsdarstellung an die Staatsanwaltschaft Wien geschickt, die nun ihre Ermittlungen einleitete, wie Caroline Pestal-Czedik-Eysenberg, Sprecherin der Anklagebehörde, am Mittwoch bestätigt. Es sei nicht akzeptabel, dass sich "Lehrer in den Wohnungen der Studenten oder Studenten in den Wohnungen der Lehrer treffen - auch nicht zum gemeinsamen Pastakochen", unterstreicht Meyer.

Der dritte Kritikpunkt betrifft die Problematik der Ernährung und der Selbstwahrnehmung des Körperbilds. Da viele ausländische Kinder im Internat leben und sich Lösungen für ihre Probleme im Internet suchen, wird es künftig obligatorische Workshops für Ernährungskunde geben und enger mit den Schulen zusammengearbeitet werden, in denen die Studenten essen. "Die österreichische Küche ist nicht für Leistungssport geeignet", so Meyer. Ballettakademie-Leiterin Noja hätte selbst einige Fälle entdeckt und die Eltern kontaktiert, mit unterschiedlichem Feedback. "Wir arbeiten seit Monaten offen mit der Jugendanwaltschaft an einem Kinderschutzkonzept", umriss Meyer weitere Maßnahmen. Ab Ostern wird eine Psychologin für die Kinder zur Verfügung stehen. Auch gebe es bereits eine Ombudsstelle und die Möglichkeit einer anonymen Hotline, die man mit dem Verein Möwe initiiert habe. Das Wichtigste sei eine lückenlose, transparente Aufklärung.

Auch Bundestheater-Holdingchef Christian Kircher schloss sich bei dem Pressegespräch den Aussagen Meyers an und betonte einmal mehr sein Statement der "null Toleranz". Im Auftrag von Kulturminister Gernot Blümel wird die Holding eine Sonderkommission zusammenstellen, Näheres folge in den kommenden Tagen, so Kircher. "Das Netz an Sicherheit muss engmaschiger geknüpft sein." Auch für die Ausbildung zum Ballettlehrer muss eine Lösung gefunden werden: Zurzeit kann in Österreich jeder Ballett unterrichten, der das möchte.