Das Anfangsbild zeigt einen Menschen, der bei sehr lebendigem Leibe gestorben ist; im Schlussbild verharrt Woyzeck in genau derselben Pose - nur darf er nun, endlich, tot sein. Von Beginn wirkt der Mensch auf der Bühne, als ginge etwas in ihm vor, das mehr ist, als ein Einzelner verkraften kann.

Steven Scharfs erste Bühnenaktion als Woyzeck? Er ruiniert das Bühnenbild. Im Akademietheater hängt ein rot-weiß-rot gestreifter Vorhang. Der Schauspieler Scharf reißt die Stoffbahnen mit Karacho herunter und gibt so den Blick frei auf eine Art Zirkusarena; der Boden ist mit roten Körnern bedeckt, rund um die Manege sitzen fünf Mitspieler, besser: Gegenspieler Woyzecks. Das gesamte Ensemble bleibt während der Aufführung auf der Bühne, die Auf- und Abgänge erfolgen von den Sitzplätzen am Rand der Manege.

Erschöpftes Selbst

Dann richtet Scharf seine Wut ziellos gegen Bühnenrequisiten, rüttelt an Stellwänden, reißt sie aus der Verankerung, wirft sie krachend zu Boden (Bühnenbild: Stéphane Laimé). So viel Kraft, die in den ersten Minuten der Aufführung sinn- und folgenlos verpufft! Alles Handeln verrutscht, entgleist Woyzeck. Ungerührt beobachten die Mitspieler das haltlose Treiben des Protagonisten. Die Welt, sie zeigt keine Anteilnahme an Woyzeck, und Woyzeck kennt keine Nachsicht mit der Welt.

Georg Büchner (1813-1837), steckbrieflich gesuchter Revolutionär, Dichter, Mediziner, Naturwissenschaftler, rastloses Multitalent, hat in seinem Fragment "Woyzeck" den wohl elendsten, unschuldigsten Mörder der Dramenliteratur erschaffen. Woyzeck ist der Prototyp einer geschundenen Kreatur. Als einfacher Soldat wird er von seinem Hauptmann routinemäßig gedemütigt; um seinen kargen Sold aufzubessern, nimmt Woyzeck an einem obskuren medizinischen Experiment teil, bei dem er sich ausschließlich von Erbsen ernährt.

Am Ende wird er zum Mörder, der aber keineswegs seine Peiniger richtet - in Wien: Daniel Jesch als herrlich gelangweilter Hauptmann; Falk Rockstroh als verwirrter Doctor und Guy Clemens, der gockelhafte Tambourmajor in roten Shorts - , sondern die geliebte Mutter seines Kindes, herzerweichend: Anna Drexler. "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Woyzecks Schicksal illustriert aufs Schmerzhafteste das berühmte Adorno-Zitat.

Gern wird Woyzeck auf der Bühne als Getriebener dargestellt, der im Lauf der Handlung immer noch gehetzter wirkt - mit dem Mord als grausiger Höhepunkt, bei dem viel Bühnenblut spritzt.

Ganz anders geht Regisseur Johan Simons die Sache an. Der 72-jährige holländische Theatermacher inszeniert "Woyzeck" zum dritten Mal - und lässt sich alle Zeit der Welt. Die 100-minütige Aufführung in Wien bietet keine spannungsgeladenen Höhepunkte, kommt ohne die üblichen Figurenentwicklungen aus, wirkt der überaus künstlich gesetzten Sprachführung wegen sogar ziemlich spröd und streng. In seiner Konzentration und Intensität jedoch ist "Woyzeck" ein Abend von einer Wucht, wie man sie am Gegenwartstheater selten zu sehen bekommt.

Die kongeniale Bühnenfassung von Koen Tachelet und Rita Czapka destilliert dazu die Vorlage behutsam und lässt sie dadurch berückend gegenwärtig erscheinen.

Das Epizentrum des Abends ist Steven Scharf, der die Titelpartie behände mit seinem beachtlichen Theatertemperament ausfüllt. Die todesähnliche Entfremdung von Woyzecks Selbst (und der ganzen Welt) nimmt man ihm voll und ganz ab. "Wie geht es weiter?" Die Frage steht während der Inszenierung, die sich sogar Leerläufe erlauben kann, immer wieder im Raum. Gerade die Pausen, das Ungesagte und das Gemurmelte, verstärken den Eindruck, bei etwas Einmaligen dabei sein zu dürfen. Bruder Woyzeck.

Theater

Woyzeck

Akademietheater, Wh.: 13. April