Silvia entscheidet sich für Gin aus der Minibar, denn: "Ich habe Lust, etwas zu bereuen!" Das kennen viele. Aber Silvia wird nicht nur den Gin bereuen. Soweit sie am Ende überhaupt noch etwas bereuen kann nach diesem verhängnisvollen Treffen mit ihrem Exmann Gustav. Mehr bereut nämlich wahrscheinlich Gustav. Die beiden haben sich in einem französischen Hotel am Meer verabredet: 19 Jahre, nachdem sie erstmals dort Zeit verbracht haben. Wie sich zeigt, kommt jeder mit einer anderen Absicht. Gustav würde sich schon darauf freuen, seine Ex wieder einmal gepflegt flachzulegen, während Silvia an der ultimativen Rache dafür, dass sie ihr Leben an einen treulosen Egomanen vergeudet hat, arbeitet. Gustav hat mittlerweile eine andere - natürlich viel jüngere - Frau, der er erzählt hat, dass er in Toulouse bei einer Konferenz ist. Dabei trifft sich gut, dass die neue, viel jüngere Frau Frankreich hasst - wegen der Franzosen. Weniger gut trifft sich, dass dieses wohlgeplante Alibi buchstäblich weggesprengt wird, als ein Attentäter das Konferenzzentrum, in dem sich Gustav mutmaßlich aufhält, in die Luft jagt und dem Tête-à-Tête gleich einmal eine ganz andere Dynamik gibt.

Gesprengte Liebe

Es ist eine gewagte Parallelität von Beziehungsterror und Anschlagsterror, die David Schalko ("Braunschlag", "M - Eine Stadt sucht einen Mörder") in seinem Stück "Toulouse" zieht. Am Donnerstag feierte es seine Erstaufführung im Theater in der Josefstadt, das den Autor auch damit beauftragt hatte. Uraufgeführt wurde es freilich bereits vergangenen Herbst in einem anderen Medium, im Fernsehen. Damals inszenierte Michael Sturminger das Kammerspiel für die ARD mit Cathrin Striebeck und Matthias Brandt. In der Josefstadt führt Torsten Fischer Regie, als Silvia und Gustav befetzen sich elegant-sarkastisch Sona MacDonald und Götz Schulte. Dass Gustav erst einmal die Minibar plündert, denn "nüchtern beginnen wir uns immer zu streiten", wirft schon ein treffendes Bild auf die verflossene Liebe der beiden. Schulte spielt Gustav bubenhaft sorglos, das zeigt sich nicht nur, wenn er foppend-zittrig einen Strip hinlegt. Nur langsam steigt bei ihm die Ahnung auf, dass er in eine Falle getappt sein könnte.

Sona MacDonald brilliert als Frau, der das Leben mehr versprochen hat, mit katzenhaften Feindseligkeitslaunen. Einmal streicht sie flirtend um Gustav, dann wieder haut sie ihm die Handtücher um die Ohren. Ihre Gemütslage kann sich innerhalb eines Satzes ändern, aber ohne Hysterie, sondern mit einer subtilen, komödiantischen Schubumkehr. Was Psychologen passive Aggression nennen, dafür hat Sona MacDonald in der Rolle der Silvia das perfekte Lehrmodell geschaffen. Schalkos bösartig-allgemeingültige Sätze wie "Ich finde dich auch unterhaltsam, seit ich dich nicht mehr ernst nehme", die sie Gustav lässig entgegenschleudern kann, helfen aber auch. Und das Timing der beiden Schauspieler ist von beglückender Unterhaltsamkeit.

Die Bühne (Herbert Schäfer) ist ein schiefes Hotelzimmer, in Richtung Publikum geht es steil bergab im Strandsand. Auf und Abs gibt es also nicht nur metaphorisch genug zu bewältigen für die beiden. Der komplett weiße Hintergrund ist auch die Leinwand für Videoprojektionen, etwa Nachrichtenbilder vom Terroranschlag. Oder Unterwasseraufnahmen von Gustav und Silvia, in besseren Zeiten romantisch aufeinander zuschwimmend. Und wenn sich MacDonalds Silvia als kleiner Schatten der Realität in diese trügerische optische Idylle einschleicht, hat das berührende Kraft.