An sich klingt die Aufgabe recht einfach: Amor vergessen und Mars folgen. Allerdings ist die Liebe nun mal keine Sache des Willens, sondern des Schicksals. Und da sich daran im Grunde nichts geändert hat, interessiert und berührt uns die Geschichte heute genauso wie im Renaissancezeitalter und im Barock. Ludovico Ariostos Ritterepos "Orlando furioso" war ein Dauerbrenner zu Lebzeiten Georg Friedrich Händels. Der aus Liebeswahn rasende Ritter Roland: Der Komponist griff für seine späteren Werke "Alcina" und "Ariodante" abermals auf die Erzählung zurück.

Das Dramma per musica "Orlando" gelangte im Jänner 1733 am King’s Theatre in London zur Uraufführung. Die Hauptrolle sang der Kastratenstar Senesino. Im Theater an der Wien zeigt Regisseur Claus Guth einen im Heute angekommenen Orlando. Keine Spur von Hainen, Schäferhütten, Grotten, Lorbeerbäumen oder Tempeln. Ein kriegsmüder, traumatisierter Soldat (Christophe Dumaux stellt die innere Zerrissenheit glaubhaft dar), der im ersten Stock eines Betonklotzhauses hockt und sich die Zeit mit Computerspielen, Bier und Pizza vertreibt. Inmitten einer schlichtweg trostlosen, von fahlem Neonlicht beleuchteten Szenerie.

Der Zauberer als Sandler

Die angebetete Angelica schmiedet derweil Pläne mit Medoro. Anna Prohaska - im Laufe des Abends zunehmend in die Rolle findend - im schwarzen Negligé, mit Netzstrümpfen und auf hohen Hacken, will weg. Verständlich. Der einst geliebte Orlando hat sich zu einer aufbrausenden, unberechenbaren Zeitbombe entwickelt. Wenn Medoro (Raffaele Pe als ansprechende Mischung aus Macho und Softie) doch endlich den Wagen flottbekommen würde! Ein kleiner Zufluchtsort inmitten der gezeigten Sozialtristesse ist Dorindas Imbissbude. Ein bisschen Farbe und ein Hauch von Wärme in Form einer Lichterkette. Hier bedient die ebenfalls Medoro Anhimmelnde (entzückend Giulia Semenzato) in einer Minirock-Version von Disneys Schneewittchenkleid.

Auf der dritten Seite der Drehbühne (Ausstattung: Christian Schmidt) befindet sich eine Haltestelle mit Schalensitzen und Mistkübel. Das Karibikplakat daneben lässt kein bisschen Urlaubsstimmung aufkommen. Ebenso wenig die mickrigen Palmen. Die Figur des Zoroastro, eigentlich der Drahtzieher, ist seiner magischen Fähigkeiten beinahe komplett beraubt. Einmal als bürokratischer Beamter mit Hut und Mantel, ein anderes Mal als gestrandeter Sandler versucht er (durch und durch packend: Florian Boesch) die Fäden nicht ganz aus der Hand zu geben und den einstigen Helden Orlando auf den Weg des Ruhmes zurückzuführen.

Die Modernisierung der Handlung geht auf. Eine behände Personenführung und vor allem die fünf voll motivierten, tadellos singenden Akteure machen die eine oder andere Plattitüde und Wiederholung wett. Beeindruckend gestaltet Christophe Dumaux Orlandos Wahnsinnsanfall im zweiten Akt. Florian Boeschs Schwipslied der etwas anderen Art gerät zum darstellerischen Höhepunkt.

Das Regiekonzept von Claus Guth lässt der Musik genügend Raum zur Entfaltung. Giovanni Antonini kostet das bis in den letzten Winkel aus und lässt sich alle Zeit der Welt mit seiner Formation "Il Giardino Armonico". Das vor allem für seine feurige und leidenschaftliche Musizierweise bekannte Originalklangorchester präsentiert sich als behutsam und zart pulsierendes Herz des Abends. Ein famos anschmiegsamer Partner für die Sänger. Bei Georg Friedrich Händel schmeckt der aus Liebe, Eifersucht, Wut, Enttäuschung, Kummer und Zorn gemixte Gefühlscocktail bittersüß. Nicht heroisch-angriffige Koloraturen überwiegen, sondern die lyrischen, zerbrechlichen Momente. Auch wenn sich gegen Ende des dreieinhalbstündigen Abends einige - musikalische wie szenische - Längen einschleichen, in Summe ist diese moderne Barockopernproduktion eine runde, in sich stimmige Sache. Viel Applaus, vor allem für die Musiker, punktgenau an Georg Friedrich Händels 260. Todestag.