- © Wiener Staatsballett
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Es ist eine Zeitreise, auf die sich das Staatsballett neuerdings begibt. Zugleich rasant und virtuos. Aber es ist nicht eine Reise in die Zeit der sadistischen Ballettlehrer, die im Stil von anno dazumal ihre Schüler malträtieren, sondern eine Reise zu den Anfängen des modernen europäischen Balletts: "Forsythe/van Manen/Kylián" steht seit Sonntag am Spielplan der Wiener Staatsoper.

Es braucht kein Bühnenbild, keine Requisite. Lediglich die Tänzer, die in simplen Trikots verwinkelte Armbewegungen nachexerzieren. Dazwischen fällt der Vorhang mit einem lauten Knall. William Forsythekomponiertezu rasanten Tempi Formations- und Canonspiele, lässt die Tänzer immer wieder mit Händeklatschen den Takt zu Johann Sebastian Bachs Partita für Violine solo Nr. 2 in d-Moll und Eva Crossman-Hechts Klavierimprovisationen zu Bachs Musik vorgeben. Doch da die Musik vom Band gespielt wird und der Orchestergraben an diesem Ballettabend erschreckend leer bleibt, begleiten wohl eher die Tänzer die Musik, als dass sie aktiv interagieren könnten.

Ode an das Ballett

Oxana Kiyanenko ist in "Artifact Suite", dieser Ode an das Ballett, eine Art Zeremonienmeisterin, die die fast mathematisch organisierten Armbewegungen vorgibt. Das abendfüllende Ballett "Artifact", das der US-amerikanische Choreograf bereits 1984 als eben einberufener Chef des Frankfurter Balletts kreierte, konzentrierte er 2004 zu dieser stringenten Version, die dem Ensemble Höchstleistungen abverlangt - wie es für Forsythe eben typisch ist. Herausfordernd in Technik und Ausdauer, fließen die Duette der Ersten Solisten Nikisha Fogo mit Jakob Feyferlik und Nina Poláková mit Roman Lazik, jeder Griff für die zahllosen Hebungen und Bewegungsstrukturen sitzt.

Und weiter geht die Zeitreise, nun zum Altmeister des neoklassischen Balletts: Hans van Manen. Auch er ist ein Ausstattungspurist, denn er mag keinen Tanz, der etwas anderes ausdrückt als den Tanz selbst, sagte er einmal. Dafür stehen die beiden Stücke "Trois Gnossiennes" und "Solo". Die Begegnung der Geschlechter, einmal anziehend, ein anderes Mal abstoßend, ist bei ihm ein wiederkehrendes Thema, so auch in "Trois Gnossiennes": Das kurzweilige Pas de Deux aus dem Jahr 1982 ist ein raffiniert elegantes Zusammenspiel aus Annäherung, Vertrauen und Misstrauen, das Maria Yakovleva und Jakob Feyferlik etwas kühl, jedoch formschön präsentieren. Hier gibt es als Ausnahme Live-Musik: Die Ballett-Korrepetitorin Laurene Lisovich spielt Erik Satie und wird derweilen von drei teilnahmslosen Tänzern über die Bühne gerollt. Van Manen fehlt es aber bei aller Noblesse auch nie an Humor. In "Solo" treten Denys Cherevychko, Richard Szabo und Geraud Wielick tänzerisch gegeneinander an. Zu Bachs Partita für Violine solo in h-Moll wirbeln die drei nacheinander über die Bühne, stampfen folkloristisch, fordern einander zum Tanz auf - verspielt und ob der Leichtigkeit technisch umso schwieriger.

Klare Bewegungssprache

Jiří Kyliáns "Psalmensymphonie" von 1978 ist das letzte Stück des Abends. Basierend auf Igor Strawinskis religiöser Komposition, siedelt er sein Werk in einer einfachen, vielleicht ländlichen Gesellschaft an: acht Holzstühle, Hemden mit folkloristischem Touch sowie Kleider in gedämpften Grau- und Beige-Tönen. Im Hintergrund eine Wand aus unterschiedlichen Teppichen - vielleicht sind es Gebetsteppiche. Kyliáns Bewegungssprache ist vielschichtig, man sieht klassisches Vokabular ebenso wie jenes, das Martha Grahams Technik zuzuschreiben ist. Seine Bildsprache ist von Ästethik und Schönheit geprägt, seine choreografische Handschrift ebenso. Klare Sprache und Formation lassen Einstudierungsunsicherheiten leicht erkennen, doch auch hier zeigt das Staatsballett-Ensemble seine Professionalität.

Der Abend lässt an Qualität keine Wünsche offen, doch die Programmierung ausschließlich jahrzehntealter Stücke der zweifelsohne wichtigen Wegbereiter des modernen Balletts, ist schlichtweg überreif.