Es hätte eine packende Milieustudie werden können: Als sich am Samstag der Premierenvorhang bei den Salzburger Osterfestspielen hob, waren Wagners "Meistersinger" nicht im altvertrauten Nürnberg zugange. Regisseur Jens-Daniel Herzog hat die Sangesgilde in die Gegenwart übersiedelt, dem Anschein nach: an die Semperoper Dresden. Hier singen der pedantische Sixtus Beckmesser und der zugereiste Ritter Walther von Stolzing nicht nur um die Gunst des Fräuleins Evchen. Es gilt, auch die Karriereleiter zu erklimmen - ein Weg, der in der Oper mit einigen Tretminen gepflastert sein kann.

Das ist nicht bloß eine alte Binsenweisheit. Die Osterfestspiele selbst - hier wird es pikant - liefern dafür ein Beispiel. Bekanntlich haben die Gremien beschlossen, dass der hiesige Festspielmeister, also Dirigent Christian Thielemann, seine Macht künftig mit einem Neuzugang, Nikolaus Bachler, teilen soll. Thielemann aber sträubt sich, der Zwist ist zum Quell seltsamer Schlagzeilen geworden. Deren jüngste: Der Aufsichtsrat bestätigt, auch Gespräche mit dem scheidenden Staatsopernchef Dominique Meyer zu führen.

Ratloses Blickfutter

Doch zurück zum Meisterstreit auf der Bühne. Regisseur Herzog hat die nahen, aber kecken Lokalbezüge dann doch lieber gemieden. Er will den Opernbetrieb archetypisch vorführen: Ein Vorsingen, eine Künstlerfeier, ein Dramaturgenkammerl und Garderoben-Geturtel sollen die "Meistersinger" auf der Großen Festspielhausbühne aktualisieren. Nur leider: Das alles gerät rasch zu einem wirren Blickfutter; der Regie scheint schwindelig zu werden von ihren Sprüngen zwischen handelsüblichem Theater und Bühne auf der Bühne.

Dafür bestätigt Christian Thielemann seine Meisterschaft im Wagner-Fach - und liefert eine Überraschung. Der Deutsche treibt dem Vorspiel alles Polternd-Patriotische aus und schwört die Sächsische Staatskapelle überhaupt für die ersten beiden Akte auf einen geschmeidigen Kurs ein. Ein Fluidum aus Flüsterstreichern, wachsweichem Holz und Blech durchwebt die Luft. Wobei: Diese Sanftheit geht mit einem Höchstmaß an Wendigkeit einher. Wie flink das Orchester Seelenregungen der Sänger aufgreift, wie samtpfötig es Lautstärke und Artikulation wechselt, wie inbrünstig es auch dann noch drängt, wenn Thielemann das Geschehen mit einem Ritardando befrachtet, das sucht seinesgleichen. Erst im dritten Akt (nach zweieinhalb Musikstunden!) darf das Orchester zur vollen Klangmacht aufblühen: eine gewaltige Kraftstauung, undenkbar ohne die elektrisierende Detailarbeit davor.

Diese gesenkte Lautstärke nützt freilich auch den Sängern. Dabei lässt das Evchen zwar (Jacquelyn Wagner) Wünsche offen. Die Herren sind aber durch die Bank formidabel besetzt. Da glänzt Adrian Eröd als natternhaft-klangschöner Beckmesser, beweist Georg Zeppenfeld (Hans Sachs) kolossale Kernigkeit, berückt Tenor Klaus Florian Vogt (Walther) mit ewigem Jugendfeuer und erfreut der klangsatte Vitalij Kowaljow (Pogner) ebenso wie der balsamische David (Sebastian Kohlhepp) und der unüberhörbare Nachtwächter von Jongmin Park. Zuletzt Ovationen für Thielemann, der zu Ostern 2020 "Don Carlo" dirigiert - ob mit oder ohne Bachler im Betriebsbüro, steht noch in den Sternen.

Oper
Die Meistersinger von Nürnberg
Wh.: 22. April