"Altersfreigabe ab 16 Jahren", steht an der Haustür, und auch der Saaleingang signalisiert: Die Volksoper - an sich ein Garant für Operettenschlager, Schenkelklopfer und Schmachtromanzen - liebäugelt mit starkem Tobak. Das tut sie zwar nur an ihrem Nebenspielort, dem Kasino am Schwarzenbergplatz, dafür aber umso entschlossener. Schon vor dem ersten Ton stehen Statisten im Saal, die man eher auf einer Themenparty der Sorte "Creatures of the Night" verorten würde. Ein Stilbruch für die bürgerliche Klientel, doch sie hüllt sich in Contenance: Da wendet sich eine Seniorin - braunes Tascherl, lila Weste - an den vermeintlichen Platzanweiser und verzieht angesichts seiner Toilette - offenes Netzhemd, knappe Hotpants - keine Miene.

Die nächsten 130 Minuten bescheren dann eine Reise in rotlichternde Triebabgründe. Allerdings: Dafür bietet das gewählte Stück gute Gründe. "Powder Her Face", Thomas Adès’ Kammeroper von 1995, ist gewissermaßen ein musikalischer Skandalnudelauflauf. Der britische Tonsetzer lässt darin die Societylady Margaret Campbell (1912-1993), in Unwürden gealtert, auf ihr Luderleben zurückblicken. Ein junges Alter ego verursacht noch einmal den historischen Eklat. Die Liebhaber-Kartei dieses It-Girls soll 88 Herren umfasst haben während ihrer Ehe mit dem Herzog von Argyll. Als Fotos der hausfremden Aktivitäten auftauchten, folgten aber Scheidung, Schlagzeilen und ein Lebensherbst als "Was wurde aus . . ?"-Figur. Geldmangel beendete die Dauerexistenz im Hotel, ein Genickbruch im Badezimmer 1993 ihr Leben.

Eine Badewanne bildet auch das Kernrequisit der Regie von Martin G. Berger. Er inszeniert jedoch weniger eine nachvollziehbare Erzählung als eine rund zweistündige grüne Welle für die Verkehrsenergien des menschlichen Unterleibs - ohne pornografische Konsequenzen, aber mit expliziten Zusammenstößen. Die verursacht nicht nur die Herzogin, sondern auch drei weitere Figuren, die in wechselnden Rollen teils durchs Publikum tollen und dazu beitragen, dass die Anzahl der getätigten Genitalgriffe das diesbezügliche Pensum eines Miley-Cyrus-Konzerts überbietet. Am Ende fühlt man sich dann fast in die "Rocky Horror Picture Show" versetzt: Im Zuge von Orgien, die Damen Schokobäder bescheren und einem Richter einen Hammer aus Eigenfleisch, treten auch Transvestiten und Fetischmasken auf den Plan - was auch immer die hier wollen.

Die Musik dagegen fesselt ohne Wenn und Aber (Dirigent: Wolfram-Maria Märtig). Hier ist Adès, weit besser als in seinem "Tempest" (2004), ein quecksilbriges, kurzweiliges Klangbild geglückt. Ein steter Wechsel zwischen Avantgarde-Tonfall, ramponiertem Swing und Tango sowie Lyrismen à la Alban Berg schafft nicht nur Abwechslung, sondern vermittelt vor allem Lebenshunger. Das gelingt auch Ursula Pfitzner, die die Rolle der Herzogin mit Vollkörpereinsatz und Brunfttönen adelt; quicklebendig auch die Kollegen Morgane Heyse, David Sitka und Bart Driessen. War das zu viel?, fragt die Herzogin zuletzt keck. Wohl wahr. Aber ein Kraftakt, der Respekt abringt. Und ein Gegengift zu so manchem Rampensänger-Abend an hiesigen Häusern.